Das Schlagwort “crossmediale Kommunikation” hat Einzug gehalten in Redaktionsflure, PR-Agenturen und Kommunikationsstabsstellen. Dort wird es gerne nonchalant und inflationär verwendet - immer mit dem Ziel, verschiedene Contentkanäle miteinander zu verknüpfen.

Crosscerebrale Kommunikation hingegen findet nicht auf YouTube, via Newsletter oder Webcasts statt, sondern im Gehirn besonderer Menschen. Daniel Tammet ist einer dieser Menschen: Der 30-jährige Brite ist ein Inselbegabter, auch Savant genannt. Mit idiosynkratischen Eigenschaften und speziellen Fähigkeiten ausgestattet, sehen und empfinden sie die Welt ganz anders. Einige Savants verfügen über ein brilliantes fotografisches Gedächtnis, andere lernen eine neue Sprache in nur einer Woche; und oft staunt das Umfeld über ihr phänomenales Zahlengedächtnis und ihr mathematisches Geschick.
Zum ersten Mal schildert mit Daniel Tammet ein Savant, welche Gefahren er im Internet sieht und welche Nachteile eine Wikipedia-Welt mit sich bringen kann (FAZ.NET vom 04.02.2009):
[Das Internet] hat das Potential, unseres Denkens sehr zu schaden. Viele Menschen haben vergessen, dass die Information nicht so wichtig ist wie die Idee dahinter. Informationen sind eine Ansammlung von Daten, jede Information für sich ist nutzlos, wenn wir sie nicht in einen Zusammenhang setzen und interpretieren können.
Nicht umsonst ruft die Netzwelt verstärkt nach semantischen Lösungen. Diese Tools sollen die Ideen hinter der schieren Informationsmasse transparent werden lassen. Denn ein Zusammenhang zwischen Informationen ist nicht durch eine reine Verlinkung hergestellt. Stattdessen müssen Muster, sinnstrukturierte Patterns den Content sinnhaft verbinden und auf einer qualitativen Ebene zusammenführen. Ein durchaus ambitioniertes Vorhaben, das beispielsweise vom World Wide Web Consortium (W3C) und dem Forschungsprogramm THESEUS des BMWi verfolgt wird.
Zurück zum Interview, das an einer Stelle besonders interessant wird: Tammet schwört vom reinen Faktenwissen ab. Auf die Frage, wie wir unser Gedächtnis trainieren können, antwortet er schlicht:
Egal, was Sie lernen, es geht darum, ein tieferes Verständnis zu entwickeln und sich nicht nur auf die Fakten zu konzentrieren.
Und dass Lernen mit Körpereinsatz erfolgsversprechender ist, als sich Wissen ohne Kontext, Sinn und Verstanz einzubimsen, nimmt Tammet gleichfalls im Interview auf - in Form einer kleinen Kritik der Lerndidaktik:
Lernen hat nicht nur was mit unseren Köpfen zu tun, es bezieht auch unseren Körper mit ein. Es hängt davon ab, wo wir sind, wie wir uns bewegen. Denken Sie an Schauspieler, die sich große Textmengen merken können, weil sie sich mit ihrem Körper behelfen.
Das Lernen mit Körpereinsatz beruht dabei auch auf ganz basaler Ebene. Spiegelneurone ermöglichen es uns, komplexe zielgerichtete Bewegungsabläufe innerlich nachzuvollziehen - und dass ohne unser aktives Bewusstsein und Wissen. Damit verfügen wir über eine körperbasierte Methode, mit der wir die Aktionen des Gegenübers instantan deuten lernen, sie einschätzen und in einem weiteren Schritt entsprechend reagieren können. Auch wenn unsere Gehirne nicht dermaßen speziell crosscerebral vernetzt sind wie die einiger Savants, verfügen wir doch über Mirror Neuron Circuits, die eigene Bewegungen und Imitationslernen miteinander verknüpfen (vgl. Neuron 2004).
Wer Savants nicht in aber vor den Kopf schauen möchte, erhält mehr Einblicke in einer fünfteiligen Reihe auf YouTube. Hier die erste Folge:
Politik und Feingespür haben seit einigen Jahren ihren gemeinsamen Weg verlassen. Das Gleiche gilt für unternehmenspolitische Entscheidungen. Dass Hartmut Mehdorn die groß angelegte, über neun Jahre verlaufende Bespitzelungsaffäre der Deutschen Bahn an 173.000 Mitarbeitern bagatellisiert, zeugt nicht von feinem Stil.

Dass der Vorstandschef sich dann aber gegebenüber dem Aufsichtrat wundert, dass es der Deutschen Bahn bisher nicht gelungen sei, “in der Öffentlichkeit und den Medien Vertrauen und Verständnis für unsere Position zu finden”, lässt an seinem Einfühlungsvermögen und einer situativen Anpassung an soziale Konventionen zweifeln.
Lange ließ Mehdorn mit einer angemessenen Reaktion auf sich warten. Die Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL forderten ihn “mehrfach eindringlich auf [...], sich für den umstrittenen Massenabgleich von Mitarbeiterdaten zu entschuldigen” (ZEIT online vom heutigen Tag). Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee kritisierte den Bahnchef mit den Worten: “Es dauert zu lange, und es kommt nicht konsequent und im Ganzen ans Tageslicht.” Eine schriftliche Entschuldigung Mehdorns wurde nicht nur als ungenügend bezeichnet, sondern durch folgende Aussage Mehdorns konterkariert:
“Wir werden das wieder machen, wenn´s drauf ankommt.” (ZEIT online, 03. Januar 2009)
Soziale Kompetenz als Mittel des Krisenmanagements sieht anders aus. Viel an Mehdorns aktuellem Verhalten zeugt von einem großen Maß an fehlendem Taktgefühl und mangelnder Empathie. Denn ein Verständnis für die eigene Position einzufordern, sich offensichtlich jedoch nicht in die Bespitzelten hineinzuversetzen - ihre Enttäuschung wahrzunehmen, aufzunehmen und ernstzunehmen -, ist genau eine Dimension zu kurz gedacht. Dieses emotionsferne Verhalten verspielt das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden in die Marke DB.
Auch ein weiterer Eklat der letzten Tage basiert auf der deutlich hierarchischen Unternehmensstruktur und der veralteten Kommunikationskultur der Deutschen Bahn. Ursache des Eklats war die Veröffentlichung eines internen Prüfberichts des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten zur Bespitzelungs-Affäre auf dem Blog netzpolitik.org. Dem Betreiber Markus Beckedahl ließ die Deutsche Bahn darauf hin eine Unterlassungsklage zukommen.
Dank digitaler Kommunikation verbreitete sich diese DB-Drohgebärde innerhalb kürzester Zeit im Netz und besorgte Beckedahl nicht nur einen großen Zuspruch, sondern auch eine breite journalistische Berichterstattung. Heute machte die Bahn auch in dieser Angelegenheit einen Rückzieher und verkündete, keine weiteren juristischen Schritte gegen Beckedahl zu verfolgen.
Dass die Deutsche Bahn auch hier kommunikativ nicht dazugelernt hat, wird deutlich, wenn man sich folgende Aussage der Pressestelle des Unternehmens zu Gemüte führt:
“Es wird keine gesonderte Mitteilung an die Presse zu diesem Thema geben, auch Markus Beckedahl wird nicht direkt darüber informiert werden, dass die Bahn ihn in dieser Sache nicht mehr behelligen wird.” (Blogpost vom heutigen Tag auf netzpolitik.org)
Fazit:
Eine offene, authentische Entschuldigung bei den Betroffenen und der Öffentlichkeit hätte in beiden Krisenfällen ein schnelleres und nachhaltiges Verständnis bei der Gesellschaft ausgelöst als der zwanghafte Versuch, Kontrolle beizubehalten und auszuüben. Unternehmen und Politik sollten sich schnellstens und eingehend mit digitalen Kommunikationsstrategien, dem Phänomen Social Media und der Möglichkeit des direkten Dialogs auseinandersetzen - vielleicht reicht hierzu schon das Gegenübersitzen und Zuhören auf bunt gefärbten Bahnsitzen.
Politik hat präzise zu sein, präzise und neutral. Politiker müssen mit kühlem Kopf entscheiden - speziell in Krisen- und Kriegszeiten. Das Ergebnis dieser Entscheidungen hat dann oft erschreckend wenig mit sozialer Wärme und Empathie zu tun. Stattdessen beschränkte sich die deutsche Politik in den letzten Jahren allzuoft darauf, unseren (ungleich verteilten) Wohlstand, festgefahrene Entscheidungsstrukturen und starre Hierarchien zu betonieren.

Der große Ethnologe Claude Lévi-Strauss prägte eine treffende Bezeichnung für eine Kultur wie die unsere. Eine, die ihre eigene Geschichte konserviert: die kalte Gesellschaft - frei nach dem Motto “Willkommen Stillstand, weiche Veränderung!”
Doch seit einigen Monaten lässt sich im internationalen Staatswesen ein schleichender Umschwung beobachten. Erst gestern kam es auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer ungewohnt erhitzten, da emotionalen Situation: Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan verließ die Bühne. Ihm wurde eine ausreichende Redezeit verwehrt, um auf die vorhergehende Rede zum Gaza-Krieg von Israels Präsident Simon Peres einzugehen. Nicht nur der Abgang Erdogans sorgte für erstaunte Gesichter. Er hinterließ einen sichtlich nachdenklichen Peres, der sich anschließend telefonisch bei Erdogan für “die Art und Weise, in der er gesprochen habe” entschuldigte, so die Tagesschau.
In den letzten Jahren kam es selten zu solchen Reaktionen, kaum ein Politiker musste sich vorwerfen lassen: “You lost your cool.” Doch die Kühle bricht auf. Einen gewichtigen Anteil daran trägt Barack Obama. Seine Reden sind gespickt mit Metaphern der Aufmerksamkeit, Fairness und des gegenseitigen Respekts. Seine Interviews vermitteln Verständnis für die Situation anderer Kulturen, er offenbart Empathie, fast Wärme. Beispielsweise im ersten Interview nach seinem Amtsantritt mit dem arabischen Fernsehsender Al-Arabiya (am 26. Januar):
“[W]hat you’ll see is somebody who is listening, who is respectful, and who is trying to promote the interests not just of the United States, but also ordinary people who right now are suffering from poverty and a lack of opportunity. I want to make sure that I’m speaking to them, as well.” (Transkript msnbc.com / White House)
Auch ein deutscher Politiker setzte jüngst ein Zeichen digitaler Empathie. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, unterzeichnete online eine Erklärung der Initiative özür diliyorum - und entschuldigt sich damit für den Massenmord an Armeniern im ersten Weltkrieg.
„Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, der die osmanischen Armenier 1915 ausgesetzt waren, ohne Sensibilität behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück, ich persönlich teile die Gefühle und den Schmerz meiner armenischen Brüder, und ich entschuldige mich bei ihnen“,
lautet der Text, dem mittlerweile 28.434 Menschen mit ihrer Unterschrift Emphase verliehen haben. Was diese öffentliche Bekenntnis für die Opfer bedeutet und wie viele Menschen sich von dieser Empathiebekundung anstecken und leiten lassen, lässt sich nicht messen. Aber in all ihrer Wirkungskraft erahnen. Dazu mehr im nächsten Blogeintrag.
Wem der Name Paul Ekman bekannt vorkommt, der hat ein grundsätzliches Interesse an Emotionsforschung und nonverbaler Kommunikation. Oder er hat den letzten Blogeintrag über das Training interkulturellen Trinkens komplett gelesen. Glückwunsch!

Süddeutsche online bescherte uns mit genau diesem Paul Ekman ein Interview der Extra-Klasse mit der offensichtlich besten Einstiegfrage, die ich je gelesen habe: “Guten Tag, Herr Professor, wie geht es mir?” Wer keine Angst vor Außenreflexion hat, wünscht sich wahrscheinlich wie ich an die Stelle des Journalisten: Auge in Auge mit Paul Ekman, dem weltbesten Emotionsentschlüsseler.
Nun wird jeder sich behaupten: “Gesichter lesen? Kinderspiel!” Allerdings zeigt sich hier oft erhebliches Verbesserungspotenzial, das strategisch geschult werden kann. Und welches Programm ließe sich hier besser anwenden als eines, dessen „Väter“ diametral entgegengesetzten Kulturkreisen entstammen? Paul Ekman, Vertreter der westlichen Wissenschaften, und der Dalai Lama, Sprachrohr der östlichen Lehre, entwarfen zusammen das Programm “Cultivating Emotional Balance“, quasi die Essenz beider Traditionen und damit best of both worlds:
“Meditation, Mitgefühl und die wissenschaftlichen Methoden meines Instituts.”
Noch interessanter ist folgende Aussage Ekmans: Nicht nur das Beobachten fremder Gesichtsentgleisungen hat Auswirkungen auf die eigene Stimmung und die Rückschlüsse auf das Innenleben des Gegenübers. Auch unsere eigene motorische Aktion lässt unsere Stimmung mit einem Mal ins Positivste schießen oder ins Bodenlose stürzen. Ekman bestätigt:
“Das Überraschendste an unserer Arbeit war die Feststellung, dass manche Gefühle erst entstehen, weil man einen bestimmten Gesichtsausdruck aufsetzt. An Tagen, an denen wir stundenlang wütende oder depressive Ausdrücke übten, mussten wir uns eingestehen, dass es uns miserabel ging”,
und greift zur Erklärung auf das Gehirn zurück:
“Wenn man bestimmte Muskeln im Gesicht aktiviert, ruft man damit die gleichen Veränderungen im Nervensystem hervor wie das entsprechende Gefühl.”
Das ist ein klarer Hinweis auf die komplexen neuronalen Schaltkreise, die sich in unseren Köpfen aufbauen, vernetzen und stetig verändern - und in diesem Fall den motorischen Cortex mit weiteren Regionen des Gehirns verknüpfen (anzunehmenderweise ist die “Gefühlszentrale” Amygdala unter Einbindung der Spiegelneurone beteiligt).
Tipp:
Über Mitgefühl und den circle of compassion spricht Ekman hier (danke arte!):
Wie groß ist Euer circle of compassion?