neurotherapy symposium congedo mirror neuron

Wenn Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen aufeinander treffen, wird man als Zuschauer regelmäßig Zeuge des folgenden Phänomens: der mit harten, empirischen Fakten arbeitende Naturwissenschaftler spricht über Näherungswerte, Amplituden oder statistische Besonderheiten. Konträr dazu der Geistes- wissenschaftler: Er konzentriert sich in seiner Forschung gerade nicht auf allgemeine Gesetze, sondern auf das Besondere, auf das Individuelle. Vertreter beider Disziplinen können sich lange, wirklich lange unterhalten, ohne sich anzunähern – und das auf hohem intellektuellen Niveau.

Am 14. Mai 2011 haben sieben Wissenschaftler bewiesen, dass es anders geht. Nämlich so: auf einer wissenschaftlichen Konferenz zu sprechen. Miteinander. In Zürich. Beim “2nd Neurotherapy Symposium“, geschmückt mit dem programmatischen Untertitel “Von der gemeinsamen Gestaltung der Welt durch Neuro- und Geisteswissenschaft”. Und es hat alles beinhaltet, was ein gutes Symposium beinhalten sollte: Mit Magnetspulen erzeugter Autismus, das Sezieren der hyper-aktivierten Gesellschaft und wundervoll menschliches Versagen, gekürt mit echtem Improvisationstalent.

EIN RÜCKBLICK

Die Diktatur der Gegenwart.

2nd_neurotherapy_symposium_mirror_neurons_zabouraHand auf´s Herz: Wird es die Generation, die jetzt heranwächst, besser haben als unsere?
Professor Harald Welzer analysiert im Projektverbund “KlimaKultur”, weshalb jeder vom kleinst möglichen Carbon Footprint träumt, aber kaum jemand etwas dafür tut. Welzer erforscht, wie die Folgen des Klimawandels mit sozialer Verantwortung verknüpft sind. Dass unser nach Echtzeit strebendes Leben Empathiefähigkeit annähernd ausschließt, wurde schon nach wenigen Minuten Vortragszeit kristallklar: Schnurrt die Zeit um den postmodernen Menschen zusammen auf das Hier & Jetzt, kann ein verantwortungsvoller, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen nicht stattfinden. Und: versagen wir uns Zeitfenster zur Selbstreflektion, können wir weder eigene noch Bedürfnisse anderer wahrnehmen – erst recht nicht die eines zukünftigen anderen. Zum Beispiel die Bedürfnisse unserer Kinder in 30 Jahren. Diese Asynchronität des Lebens wird nochmals verschärft durch die Kopplung mit dem Wachstumsparadigma westlicher Kulturen, dem Heilsversprechen des ewigen Wachstums – wirtschaftlich, politisch, individuell. Eingeschlossen im Moment – ein bedrückendes kollektives Locked-in-Syndrom.

Neuronale und mentale Schwingungen.

Neben der empathischen (Un-)Fähigkeit zogen sich zwei weitere rote Fäden durch das Symposiumsprogramm: Spiegelneurone und Neurofeedback. Spiegelnde Nervenzellen müssten den Lesern dieses Blogs bekannt sein, deshalb der Direktschwenk zum Neurofeedback: “Beim Neurofeedback werden Gehirnstromkurven (EEG-Wellen) von einem Computer in Echtzeit analysiert, nach ihren Frequenzanteilen zerlegt und auf einem Computerbildschirm dargestellt. (…) Dem Probanden ist es dabei möglich, durch Rückmeldung des eigenen Hirnstrommusters eine bessere Selbstregulation zu erreichen”, liest man bei Wikipedia.

Gehirnwellen go Games.

Dr. Marco Congedo machte N2nd_neurotherapy_symposium_brain_invaders_congedoeurofeedback erlebbar; und das selten unterhaltsam. Er zeigte in seinem Vortrag, wie neue Technologien Hirnforschung und Rehabilitation revolutionieren. Das Basiswissen: Bildgebende Verfahren – diese bunt eingefärbten Schädel-Bilder – werfen erweiterte Blicke ins Gehirn und entwerfen neue Deutungsmuster für Neuronenaktivitäten. Der Prozess: Das Nervenzellenfeuern wird bei allen bildgebenden Verfahren erfasst, visualisiert und wissenschaftlich analysiert.

Auf Basis bildgebender Verfahren kreiert Congedo am CNRS GIPSA-lab Computerspiele, die sich mit dem Gehirn steuern lassen: Aus Space Invaders werden Brain Invaders. Der Spieler setzt sich eine Elektroden-Kappe auf, wird an das EEG (Elektroenzephalografie) angeschlossen und kann nach kurzem Training beeinflussen, was auf dem Bildschirm vor ihm passiert. In diesem Fall: Angreifer aus dem All abschießen – mit Gehirnwellen. Das macht nicht nur Sinn für ein Spieleerlebnis ohne Nunchuck, Mouse, Keyboard oder Joystick. Sondern auch für therapeutische Zwecke. ADHS-Patienten oder auch Autisten können die erlernte Gehirnwellen-Steuerung zur Rehabilitation nutzen. Sei es, um sich in entspannte oder in konzentrierte “states of mind” zu versetzen.

Artifizieller Autismus.

Und dann war da noch der 2nd_neurotherapy_symposium_tms_mirrorneuron_PinedaWissenschaftler Jaime Pineda, der sich durch fünfminütige magnetische Einwirkung zum Autisten machte. Das geht dank der Technologie TMS. Kurz für transkranielle Magnetstimulation, wirken bei dieser Methode starke Magnetfelder direkt auf das Gehirn ein – hemmend oder aktivierend.

Auf die Frage wie sich 15 Minuten Autismus anfühlen, antwortete Professor Pineda: Für ihn war kein Unterschied spürbar. Allerdings zeigen Gesichtserkennungsversuche vor, während und nach diesen 15 Minuten, dass er während der autistischen Phase erhebliche Defizite hatte, Gefühle in menschlichen Gesichtern zu lesen.

Simultan-Spiegelung.

Neben der inhaltlichen Vielfalt der Veranstaltung noch ein charmantes Detail: vor der Schnelligkeit und dem Fachtermini-Feuer der englischen Referenten mussten die Simultan-Übersetzer schlicht aufgeben. Dafür übernahm eine anwesende Doktorandin Satz für Satz die Übersetzung – und zeigte, wie schnell sich Menschen verbal, mimisch und gestisch aufeinander einschwingen können. Dieser kleine Mosaikstein, die Interdisziplinarität der Referenten und der thematische Brückenbau von Wissenschaft in Lebenspraxis ließen die Teilnehmer am Ende der Veranstaltung spürbar verändert aus dem Universitätsspital Zürich strömen.

Ein Dank geht an die Organisatorin Marietta Chatzigeorgiou für die Einladung zu diesem interessanten Symposium. In der Vorbereitung auf Impulsvortrag und Panelmoderation und speziell durch den wissenschaftlichen Austausch vor Ort konnte ich neues Wissen und Inspiration mitnehmen.

 

Linktipps

2nd Neurotherapy Symposium
Handouts ausgewählter Vorträge (linke Spalte)

Nachhaltigkeit
KWI – KlimaKultur
Wuppertal Institut

Brain Computer Interfaces
Brain Invaders bei YouTube



Popkulturelles Kontextwissen

Gehirnwellen-gesteuerte Katzenohren bei WiredUK

Veröffentlicht am 7. Juli 2011 um 08:48
In den Kategorien: Gehirn und Geist, Politik, Wissenschaft

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