Mit großer Wucht schlägt der gesellschaftliche Wandel dieser Tage auf. Die „Krise“ ist das inflationär verwendete sprachliche Pendant zur Unsicherheit, die uns alle erschüttert. Erstmals wird dieser Wandel von vielen Seiten gestaltet - und nicht exklusiv von politischen und wirtschaftlichen Akteuren. Erstmals meldet sich eine Vielzahl von Menschen mit einer Vehemenz zu Wort, die ihresgleichen sucht. Und sie werden gehört. Möglich macht diese soziale Teilhabe das Internet und der darin gelebte digitale Austausch: eine wahre Chance für den demokratischen Prozess.

Neu sind soziale Netzwerke nicht. Sie bestehen seit Anbeginn der Menschheit. Doch die digitale Rennaissance dieser Verbünde weist deutlich darauf hin, dass Familien, Partner, Freunde in den letzten Jahren das grundlegende Bedürfnis nach Zusammenhalt nicht ausleben konnten. Überbordende Flexibilität, globalisierte Gesellschaften und fragwürdige Umverteilungen des Kapitals offenbaren ihre gewichtigen Nachteile für das Individuum und sein soziales Milieu.
Erstaunlicher ist umsomehr, wie positiv ein Teil der Gesellschaft diese Umstände für sich umdeutet: Kleine, global verlaufende Netzgemeinschaften schießen aus dem Boden, organisieren und strukturieren sich autodidaktisch, erstellen eigene Bedarfs- und Konsumgüter, generieren Spezialinteresse und Währungssysteme. „The long tail“ nennt das Chris Anderson, der den neu erstarkenden Nischenmärkten und ihrer massiven Wirtschaftskraft ein ganzes Buch gewidmet hat.
Nur folgerichtig ist, dass diese Tribalisierung der Gesellschaft einem anthropologischen Grundbedürfnis folgt: dem Wunsch nach Gemeinschaft und sozialem Miteinander. So beobachten wir ganz aktuell, wie sich der Homo sociologicus immer stärker von den Großmärkten entkoppelt und sich stattdessen in (Kleinst-)Netzwerken mit Gleichgesinnten organisiert. In dieser neuen, ideellen Nähe erfindet er sich und sein Glück neu.
Wie ansteckend das Glück des Einzelnen auf die Umgebung wirkt, erforschten James Fowler (University of California) und Nicholas Christakis (Harvard Medical School) auf der Grundlage der Langzeitstudie „Framing Heart Study“. Die Wissenschaftler extrahierten daraus standardisierte Daten aus 20 Jahren und analysierten auf diesem Weg retrospektiv das Befinden von 4.739 Probanden. Das Ergebnis:
Glück verbreitet sich in sozialen Netzwerken viral.
Und: Je glücklicher das Umfeld, desto glücklicher das Individuum und vice versa.
Es zeigte sich außerdem, dass besonders glückliche Menschen meist im Mittelpunkt eines sozialen Netzwerks stehen und dass sich in sozialen Gefügen glückliche und unglückliche Menschen in Clustern gruppieren. So finden sich im Umfeld von zufriedenen Menschen hauptsächlich Gleichgesinnte. Das eigene Glück kann sich bis zum dritten Kontaktgrad auswirken und ist demnach ein Netzwerk-Phänomen par excellence.
Diese Form der emotionalen Ansteckung findet durch das World Wide Web nun gänzlich neue Reichweiten. Wie Glück auch digital ausgetauscht werden kann und welche Rolle soziale Online-Netzwerke hierbei spielen, lässt sich bereits erahnen – und bald nachlesen. Fowler und Christiakis arbeiten bereits an der nächsten Studie, in der 1.700 Studenten mitsamt ihres Facebook-Profils untersucht werden. Das Forschungsvorhaben trägt den schönen Titel „Smiling in an Online-Network of College Students“.
Anleitung zum Glücklichsein:
Jeder zusätzliche glückliche Freund erhöht die Wahrscheinlichkeit des eigenen Glückgefühls um rund 9 Prozent.
Weiterlesen:
James H. Fowler und Nicholas A. Christakis (2008): “Dynamic spread of happiness in a large social network: longitudinal analysis over 20 years in the Framingham Heart Study”. In: British Medical Journal 337: a2338; doi:10.1136/bmj.a2338 (4. Dezember 2008)
DIE ZEIT Titelthema „Die Kraft des Zusammenlebens“ (Nr. 17 / 16. April 2009)
Kritik der praktischen Vernunft:
Soziale Netzwerke schaden nicht der Moral, wie etliche Online-Portale jüngst berichteten (von FOCUS online bis hin zum Schweizer Tagesanzeiger.ch und der Webversion des Telegraph). Allesamt übernahmen ungeprüft eine Meldung auf “Mail Online”, die eine Studie großzügig auf webbasierte Social Networks ummünzte. Co-Autor und Emotionsforscher Antonio Damasio bestätigte jedoch, dass das Studiensetting keinerlei Zusammenhang mit Online-Netzwerken aufwies.
Kommentare zu “Gesellschaft des Glücks – Vom Austausch in sozialen Netzwerken”
20. April 2009 um 14:33
Die soziale Teilhabe und dem Wunsch nach Gemeinschaft als Grund für den Erfolg von sozialen Netzen finde ich spannend. Dies würde sich auch mit dem decken, was auf der Web 2.0 Expo gezeigt wurde (gelesen unter anderem bei http://www.holtzbrinck-elab.de/blog/prinzipien-fur-design-von-social-software/ )
Allerdings ist es schade, dass scheinbar kommerzielle Interessen versuchen einen festen Platz innerhalb der sozialen Kontakte zu erzielen und damit scheinbar sogar Erfolg haben (wie in meinem Beitrag unter http://www.cyber-junk.de/kommentiert/die-deutschen-twitter-charts-ein-jahr/ )
21. April 2009 um 09:16
Du musst ein Weblog schreiben, wenn du ein Professor bist, du musst einen Twitter-Account haben, wenn du ein Forscher bist, du musst einen YouTube-Kanal aufmachen, wenn du ein Politiker bist, du musst ein Wiki haben, wenn du ein Institut bist, du musst mitmachen, mitmachen, mitmachen, dauernd, ständig, du musst schnell mitmachen, du darfst nicht zu spät mitmachen, du musst was zu sagen haben, du musst, was du zu sagen hast, dauernd sagen, überall sagen, die haben ein Recht darauf, die haben das Recht darauf, zu sagen, dass du ein Hinterwäldler bist, wenn du nicht, die kennen sich aus, besser als du, die haben es kapiert, du nicht, die haben lauter Kanäle, die dazu da sind, dir zu sagen, dass sie es kapiert haben und du nicht, shift happens, mach mit, mach mit, hau rein, mach doch.
http://intrig.antville.org/stories/1891622/
Glück?
29. Mai 2009 um 14:33
Hier wird die Anzahl der Kontakte bei Xing und Co. mit der Anzahl der Freunde verwechselt.
22. Juni 2009 um 12:28
Es wäre schön, wenn sich mehr Positives verbreiten würde. Glück ist da einfach perfekt. Leider sind die Nachrichten und sämtliche Berichte nur auf das Negative gepolt. Noch besser finde ich diese Epidemie Ängste. Krisen und Krankheiten verbreiten sich wie ein Fluch ob Internet oder Fernsehen. Glückliche Menschen sind einfach unkontrollierbar, dagegen frustrierte und ängstliche schon.
Jeder hat es selbst in der Hand!
20. Juli 2009 um 10:09
Klasse Blogpost Nadia!
Vielen Dank!
Glück ist ansteckend, auf jeden Fall! Und eine positive Grundeinstellung immer vorteilhaft. Sehr schön dazu ist das Hörbuch von Eckhard von Hirschhausen “Glücksmomente” (ja es gibt Anspruchsvolleres, aber Glück muss nicht anspruchsvoll sein, ganz im Gegentiel! ![]()
Ein Teil der mir sehr gut gefällt und zu deinem Blog passt Nadia: die Deutschen im speziellen haben einen besonderen Bereich im Gehirn - den Jammerlappen! –> Glückverbreitet sich und BASTA! Meckern macht schlechte Laune und es liegt an jedem von uns das einzustellen und die Mundwinkel nach oben zu kriegen!
Wem das nicht gelingt: nimm einen Stift 10 min. zwischen die Zähne, das aktiviert die Lachmuskeln und so den Endorphin aussstoß!
Cheers!
Jormason
4. Oktober 2009 um 16:02
jammerlappen oder glücksritter, als virtueller staubsauger kann man sich mit der politischen sprachdiagnostik ein bild darüber machen wie kommunikation glücklich machen kann, wenn man glaubt daran zu denken. im eigentlichen verursacht kommunikation doch in seiner gesamtheit eine teilweise erklärende und teilweise zuhörende systematik, die es gilt zu beherrschen ohne sich beherrschen zu lassen. verständigung ist somit die basis für nicht weniger als alles, ist im grunde nicht viel aber immerhin etwas
12. März 2010 um 13:05
“dem Wunsch nach Gemeinschaft und sozialem Miteinander…”
Naja, ich weiss nicht, ob das unbedingt soziales Miteinander ist, wenn man sieht, wie viele Menschen nur noch vorm Rechner versacken.
5. Mai 2010 um 10:06
was das Glück und seine Verbreitung in Online-Netzwerken betrifft, bin ich auch etwas skeptisch. Ich glaube, Glück und seine Übertragung hat auch immer sehr viel mit körperlicher Nähe zu tun.
grüsse, barbara
13. Mai 2010 um 12:40
Und wenn Twitter und Facebook dann mal wieder ein paar Stündchen offline sind, gibt es wenigstens die Möglchkeit für ein paar Stündchen aufm Bolzplatz, in der Kneipe oder einfach nur im Bett glücklich zu werden. Gott sei Dank.
20. April 2009 um 07:50
[...] extrem innewohnt. Vielleicht ist Print eigentlich ein ideales Medium für den Zeitenwandel, für die “Gesellschaft des Glücks”. Natürlich in einer gesunden Mischung mit Social Networks für die schnelle Information. Vielleicht [...]