Die Digitale Evolution erlebt jeder Wissensarbeiter und jeder selbst ernannte Vertreter der Digital Bohème am eigenen Körper: Nach stundenlangem Lesen im Schein des Monitors wissen wir zwar, weshalb Internet-Visionär David Weinberger die Unzitierbarkeit von Barack Obama für dessen größte Stärke hält und dass Sascha Lobo vor exakt zwei Tagen seinen eigenen Blog gelauncht hat.
Genau dieser Zeit berauben wir uns jedoch täglich - und reduzieren so ganz nebenbei die Situationen, in denen wir direkt - ohne digitale Tools und Brücken - mit anderen Menschen in Kontakt treten. (Die Soziologie spricht hier von der Face-to-face-Kommunikation, also der Kommunikationsituation schlechthin.)

Natürlich bringt der virtuelle Austausch ungesehene Vorteile für den kollektiven Aufbau von Wissen, für Wissensweitergabe- und transformation, für globaler Vernetzung in Echtzeit. Parallel wird jeder aber zwangsläufige Veränderungen im sozialen Umfeld und Kontext erleben. Dass dieser change (da wir gerade schon bei Obama sind) eng mit leibhafter Anwesenheit und neuronalen Strukturen verknüpft ist, mutmaßt auch Vittorio Gallese. Von Haus aus Neurophysiologe besitzt Gallese nicht nur einen klingenden Namen, sondern seit 2007 auch die Auszeichnung für die Entdeckung der Spiegelneurone (gemeinsam mit den ähnlich namensbegnadeten Giacomo Rizzolatti and Leonardo Fogassi).
Sehr konkrete Schlüsse für die Digital Bohème zog Gallese im Interview mit Stefan Klein, das im letzten Jahr im ZEITmagazin leben (Nr. 21/2008) zu lesen war. Kurz umrissen: Je weniger sich Menschen direkt gegenüber stehen, unvermittelt miteinander kommunizieren und sich dabei als bewegende reale Körper wahrnehmen, desto massivere Auswirkungen hat dies auf unser Einfühlungsvermögen.
Der Grund liegt auf der Hand: Empathie entwickelt sich im sozialen Kontext.
Fangen wir ganz vorne an: Spiegelneuronal betrachtet erlernen wir als Neugeborene bereits einfache Bewegungsabläufe, indem wir die Bezugspersonen in ihrer Bewegung beobachten und nachahmen (im Bild sehr schön am Beispiel von Andrew M. Meltzoff zu sehen). Und dabei nach und nach lernen, dass der uns entgegenkommende Löffel mit Brei beladen ist. Im Lauf der Zeit lernen wir durch Imitation, diesen Löffel (mehr oder minder) selbst zu benutzen. Fazit:
“(…) unser gesamtes Denken und Fühlen [beruht] darauf, dass wir die Körper anderer Menschen beobachten, dass wir Dinge anfassen und sie manipulieren.”
Fällt diese gegenseitige Beobachtung und Interaktion über längere Zeit aus, könnten wir Empathie verlernen und vieles, was mit motorischen Grundlagen zu tun hat. “(…) das muss starke Auswirkungen auf unsere sozialen und geistigen Fähigkeiten haben,” konstatiert Gallese. Denn wer seine Spiegelneurone nicht mit sozialen Offline-Situationen pflegt, der lässt seine biologische Grundlage für Einfühlung verkümmern. Und damit ist man dann auch fast schon der Existenz als Geek oder Nerd geweiht.
Fazit:
Hilfe!
Kommentare zu “Digitale Kommunikation - das Ende der Empathie?”
23. Januar 2009 um 09:34
Im ersten Moment dachte ich: Klar, du hast absolut Recht. Wenn man die Körpersprache des anderen nicht wahrnehmen kann (welche ja immer noch die größte orientierung für uns ist) dann kann keine Empathie entstehen.
Aber ich habe auch mal gelesen, dass Spiegelneuronen auch dann aktiv sind, wenn man nur die Beschreibng von etwas liest.
Meine These zur mangelnden Empathie ist etwas anders. Ich behaupte dadurch, dass wir im Netz nicht bereit dazu sind, die Hosen runter zu lassen, also über unser Innerstes offen und authentisch zu kommunizieren und die meiste Zeit damit verbingen andere zu zitieren oder einen selbst als tollsten Hecht darzustellen, werden wir nur wenig Anknüpfungspunkte für Empathie haben. Ich erlebe eine medialisierung des Webs. Also der Rücjschritt zur Top-Down-Kommunikation, nur dass nun sehr viele “von oben herab” ihre Inhalte streuen. Diskutiert wird nicht mehr. Es wird retweetet, Fachartikel geschrieben, das emotionalste ist noch das Bashing.
Aber ich erlebe auch auf anderen kleinen Blogs, dass sich Menschen zusammenfinden, weil sie über ihr Innerstes, über sich selbst als Mensch sprechen mit all den Stärken und Schwächen. Und da begegene ich Texten, die meine Spiegelneuronen und mein empathisches Empfinden zum Anschlag bringen. Ja, ich war tatsächlich zu Tränen gerührt. Nur von Text.
Will sagen, dass der Mensch sehr schnell lernen und umlernen kann. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die nonverbale Kommuniation sich etwas zurückentwickelt und wir andere Wege finden müssen um mit dieser Art von Kommunikation umzugehen und winfach das beste daraus zu machen.
Das Web ist für mich auch die Chance, menschen zunächst einmal als gleichwertig zu sehen. Denn es gibt ja auch Menschen mit psychologischen Problemen, dessen Körpersprache abstoßend wirkt, die aber vielleicht trotzdem wichtiges zu sagen haben? Oder Menschen, dessen Körpersprache einschüchternd wirkt und so die Gegenüber verstummen lassen. Klar was ich meine?
Es brigt sowohl Risiko als auch Chance. Wie immer halt!
23. Januar 2009 um 15:21
1. Stimme Patrick Breitenbach voll zu.
2. Für Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nicht soviel face to face kommunizieren können, wie sie möchten (Krankheit, Schwerbehinderung, kein Babysitter, Entfernung zu groß) ist das Social Web “the next best thing” anstelle von Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Verlieren die deshalb ihre Empathiefähigkeit? Glaube ich nicht. Ein anderes Beispiel: Jugendliche, die den ganzen Tag lang mit einer verrohten Clique herumhängen und ihre Kontakte bei MySpace vernachlässigen - werden die dadurch empathiefähiger? Ebenfalls eher nicht.
Dennoch ist der Beitrag ein interessanter Denkanstoß.
23. Januar 2009 um 15:28
Ich mag die Schwarz-Weiss-Denke nicht, als ob wir 24h lang digital kommunizieren würden.
Bei vielen führt die digitale Kommunikation sogar selbstverständlich zu mehr f2f- Kontakten.
Wie auch immer, Emphatie ist grundlegend und wir werden nie aufhören, sie im sozialen Kontext lernen zu wollen. Es ist ein Bedürfnis, Menschen real zu treffen.
Richtig ist: ohne dieses Wissen, lassen sich digitale Botschaften nicht entschlüsseln. Aber da besteht überhaupt keine Gefahr.
23. Januar 2009 um 17:45
Scheinen meine Gedanken zum Thema hier nicht gelandet sein - also der Ping, den ich sandte, so trau ich mich und verweise per Link darauf:
monika.wordpress.com/2009/01/23/doppelbotschaften-spuren-und-die-digitale-welt/
24. Januar 2009 um 16:04
€Michael : Tatsächlich ist es mein konkretes Erleben, dass die digitale Kommunikation - und auch die analoge, etwa über Telefon - durchaus den Umgang im “direkten” Kontakt stören. Viele Menschen, die man heutzutage trifft, agieren tatsächlich so, als seien sie noch “digital” unterwegs. Sprich: Innerhalb ihrer eigenen Welt vor dem Bildschirm. Meine Erfahrung. Vielleicht wären die ohne digitale Kommunikation auch nicht anders - aber ein unmittelbarer Umgang sieht aus meiner Sicht anders aus…
28. Januar 2009 um 12:11
[...] ich mich auf viele spannende Beiträge von Nadia. Besonders gut finde ich den Beitrag über “Digitale Kommunikation - das Ende der Empathie?”. Verlieren wir die Fähigkeit miteinander im realen Leben umzugehen, wenn sich die [...]
22. Januar 2009 um 20:21
Was empfiehlt die Wissenschaft als Lösung? Weg mit Twitter, Blogs, iPhone und Co? Tatsächlich ist dieses “Verlernen” erlebbar. In meinem Urlaub in Kenia beispielsweise habe ich erstmal 5 Tage gebraucht, bevor ich “ungehemmt” mit den lokalen Kenianern plaudern konnte. Dann ging das sehr gut, bei der Rückkehr habe ich allerdings einen halben Tag benötigt, um das Telefonieren wieder zu kapieren (wo ist das Gesicht? Hilfe!). Also: Verlernbar auch in die andere Richtung. Und meine Antwort auf meine eigene Frage: Ab und an Cyber-Ferien…