Der Amoklauf von Winnenden am 11. März 09 setzt erneut einen traurigen Akzent im Disput um das deutsche Bildungswesen. Heftige Diskussionen um die “richtige” Erziehungsmethode ziehen sich bereits seit vielen Monaten durch den gesellschaftlichen Diskurs. Bedenklich schwarz / weiß malen die Wortführer beider Seiten ihre Ideen an die imaginäre Schultafel: Vom “Lob der Disziplin” und der Kunst der autoritären Führung (oft mit bedenklich behavioristischem Denkmodell, das Kindes- und Hundeerziehung auf eine Stufe stellt) bis hin zur komplett autonomen Selbstregulierung des Nachwuchses beim Laissez-faire-Ansatz - beides ist zu kurz gedacht.

Die Leitfragen hinter den Lehrkonzepten bleiben nach wie vor gültig:
Wie können Kinder zu selbstbewussten, kritischen denkenden und hinterfragenden Menschen erzogen werden? Auf welche Weise lehrt man sie die Eigenständigkeit, ihre Talente zu entdecken, aktiv zu entfalten und trotzdem sozial zu denken und zu handeln?
Ein wichtiger, viel zu lange vernachlässigter Schlüssel liegt in der Empathiefähigkeit - sich selbst als auch den Mitmenschen gegenüber. Denn wer für das ureigenste Selbst keine Einfühlung besitzt, wird es schwer haben, diese zu anderen aufzubauen. Empathie spielt deshalb eine zentrale Rolle in den zu vermittelnden Lehrinhalten. Denn der durchgenommene Schulstoff formt die späteren Denkweisen der Schüler.
Ob der literarische Kanon für den Deutschunterricht tatsächlich noch aktuell ist und damit dem Leben der Kinder entspricht, sollte deshalb ebenso regelmäßig geklärt werden wie der Anteil gelebter Empathie im Unterricht. Denn nicht nur die Wissensinhalte verdienen eine Überprüfung auf gezielte Empathieschulung. Auch in der Didaktik (also der Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens) bedarf es eines Umdenkens. So ergänzt und festigt die einfühlende Beziehung zwischen Lehrpersonal und Schülern die vermittelten Inhalte auf einer formal-theoretischen Ebene.
Deshalb der Aufruf an Politik und Entscheidungsträger im Bildungsbereich:
Im didaktischen Dreieck Lehrer - Schüler - Lehrinhalt muss Empathie neu verortet und nachhaltig verankert werden. Eine Bildungssozialisation, in der bereits Kleinstkinder auf Konkurrenz und Leistung gedrillt werden, hinterlässt erheblichen Schaden in der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der sich ein Leben lang auswirken kann.
Zusätzlich zu dieser Dimension gilt es, gesamtgesellschaftliche Faktoren zu überprüfen und zu verändern. Mehr Empathie für die Belange der Kinder, das können nicht ausschließlich Lehrer leisten. Parallel liegt diese Aufgabe in der Verantwortung der Erziehungsberechtigten, die diese Berechtigung als Pflicht verstanden sehen müssen. Wann haben Sie Ihr Kind / Ihre Nichte / Ihr Patenkind gefragt, was es empfindet und ob es sich verstanden fühlt?
Kritik:
Was der Einsatz von Lehrer-Robotern über die Wertschätzung von Kindern in Japan aussagt, darüber soll sich jeder selbst sein Urteil bilden. Und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten, damit solch ein computergesteuerter, chipversetzter Lehrkörper nicht auch in unserem Bildungssystem zum Einsatz kommt, um Schüler zum Weinen zu bringen und emotional verkümmern zu lassen. Für die Ausbildung, für die Investition in unsere Zukunftsträger reichen sechs ruckelige Emotionen einfach nicht aus.
Kommentare zu “Die neue Bildungsstarre - oder: Empathie als Erziehungsziel und -stil”
31. März 2009 um 12:53
Im Zuge meiner neuen Tätigkeit an der Internationalen Hochschule in Karlsruhe bin ich einem interessanten Modell begegnet, in das ich mich gerade vertiefe: Konstruktivistische Pädagogik.
Der neue Präsident legt großen Wert auf diesen neuen Ansatz, der auf den philosophischen Ansatz des Konstruktivismus und der Systemtheorie basiert.
Grundzüge sind gegenseitige Wertschätzung durch öffnen der jeweiligen Mindesets (Stichwort kulturelle bzw. generell subjektive unterschiedliche Denk- und Arbeitsweisen) und sehr starke Einbindung der Studenten (analog Schüler)
Wichtigstes Ziel ist das Aufbrechen des völlig veralteten Frontalunterrichts und des stumpfsinnigen Paukens trivialer Fakten. Es geht um Zusammenhänge, Vernetzung, gegenseitige Wertschätzung und Toleranz etc.
Ein Modell, dass in allen Bildungsektoren sicherlich etwas bringen könnte.
31. März 2009 um 19:29
“Im didaktischen Dreieck Lehrer - Schüler - Lehrinhalt muss Empathie neu verortet und nachhaltig verankert werden.”
- Ist der Fall seit ungefähr 25 Jahren:
http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie
1. April 2009 um 10:17
Empathie in der Schule? Als Vater von zwei Jungs kann ich nur sagen, Empathie dürfte so ziemlich das Letzte sein, was in der Schule Einzug halten wird. Jedenfalls die Empathie im positiven Sinne, die du hier anmahnst.
Sie findet natürlich statt, allerdings auf ganz anderer Ebene. Wenn heutzutage immer noch Max Frisch auf dem Lehrplan steht, bedeutet dies ja nicht nur, dass das System sich seit Jahrzehnten in einem didaktischen Koma befindet, sondern das bedeutet vor allem auch, dass die Lehrer sich seit Jahrzehnten immer wieder mit dem gleichen Stoff befassen müssen. Er dürfte ihnen daher zum Halse hinaushängen, was dank universeller Empathie von den Schülern instinktiv erspürt wird. Und wie soll man Begeisterung für Literatur wecken, wenn man selbst von Überdruss gesättigt ist?
Ein Roboter als Lehrkörper wäre hier schon ein Fortschritt, weil er auch nach 1000 Jahren keinen Überdruss gegen Max Frisch ausschwitzt.
http://starturl.com/imeag
(Blog-Artikel Amokläufe und das “System Schule” in Deutschland)
In diesem Blogeintrag wird gezeigt, dass in Deutschland die weitaus meisten Amokläufe an Schulen passieren und nicht wie in den USA an anderen Orten. Das hat seine Gründe.
Ich kenne das Schulsystem nun seit Jahren auch aus Sicht der Eltern und kann nur sagen, dass es vollkommen kaputt ist. Und da unser Förderalismus ebenfalls vollkommen kaputt ist, ist das Schulsystem m.E. auch nicht reformierbar. Eine wie auch immer geartete Veränderung ist nur möglich, wenn das System komplett abgeschafft und durch ein anderes ersetzt wird. Wie das aber gehen soll, weiß ich auch nicht.
Evtl. müsste der Bund parallel zu den Ländern und damit auch in offener Opposition zu ihnen ein Bundesbildungsystem aufbauen, dass eine komplette Laufbahn von der Grundschule bis zum Abitur gewährleistet. Der Erfolg privater Schulen zeigt, dass die Eltern ein solches System wohl sehr schnell annehmen würden, sodass die alte kleinstaatliche Herummurkserei innerhalb von zehn Jahren beendet sein dürfte. Ein Bundesbildungssystem dürfte aber utopischer als ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1500 EUR für jeden Bundesbürger sein.
Doch zurück zur Empathie. Sie findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist im Resultat immer auch von den Umständen bedingt. Schule ist da immer ein besonders prekärer Umstand, da sie eine künstliche Umgebung schafft. Während Arbeitszusammenhänge auf konkrete Ziele ausgerichtet sind – zum Beispiel die Herstellung von Produkten und die Erzielung eines Einkommens – bleibt die Schule stets in einem “Als-ob”. Sie fordert Fähigkeiten, “als ob” diese Fähigkeiten innerhalb der Schule einen konkreten Zweck erfüllen würden. Das tun sie aber nicht. Die Erfüllung einer Leistungsanforderung ist im Lehrplan festgeschrieben, letztlich also völlig willkürlich und arbiträr, es ist wie in einer Quizsendung – nur dass keiner Millionär wird. Schule ist eine Scheinwelt mit Scheinanforderungen und Scheinleistungen, eine oftmals alptraumhafte Phantasiewelt innerhalb der ohnehin schon unheimlichen “echten” Welt. Es geht in der Schule nicht wirklich darum, etwas zu verstehen. Man will mit vorsintflutlichen Mitteln den Schüler lediglich dazu bringen, in einem Test die anderswo als richtig festgelegte Antwort anzukreuzen bzw. auszuformulieren. Das ist durch das Zentralabitur teilweise noch schlimmer geworden, obwohl ich es selbst als Leistungsüberprüfung der Lehrer eher befürworte. Wenn es aber nicht wirklich “um” etwas geht, geht es um nichts. Und wenn es um nichts geht, haben die Lehrer den Schülern und die Schüler den Lehrern
auch nicht wirklich “etwas” zu sagen. Das ist nämlich nur dann der Fall, wenn es um “etwas” geht. Schule funktioniert deshalb auch meistens nur außerhalb des Unterrichts, in Projekten neben dem Unterricht oder in den Freizeiten. Dort kommt es manchmal zu einem echten Verstehen zwischen Lehrern und Schülern.
Ich habe den Zusammenhang des Verstehens hier
http://www.sudelbuch.de/2009/die-verstummende-gesellschaft
einmal versucht ausführlicher darzustellen.
7. Mai 2009 um 16:04
“Mehr Empathie für die Belange der Kinder, das können nicht ausschließlich Lehrer leisten.”
Das stimmt, nicht allein die Lehrer können das leisten. Auch die Lehrpläne müssen darauf ausgerichtet werden - was im Moment alles andere als der Fall ist. Schule, vor allem öffentliche Schule, dreht sich nach wie vor darum, Wissen zu vermitten und spricht den mentalen Teil an.
Gerade an der Grundschule ist das Thema der Kinder, Empathie zu LERNEN. Daher sollte Empathie und generell soziale Fähigkeiten nicht etwas sein, was so nebenbei noch reingequetscht wird, sondern ein Hauptinhalt auf dieser Schulstufe. Es geht nicht nur darum, dass die Erwachsenen die Bedürfnisse der Kinder verstehen, sondern wesentlich auch darum, dass Kinder lernen, die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und angemessen zu handeln.
Und was noch als weitere Schwierigkeit hinzukommt: die LehrerInnen haben die Empathie, die sie vermitteln sollten, in der Regel selbst nie systematisch gelernt und geübt - im Gegensatz zu ihren Fähigkeiten in Schreiben und Rechnen, wo sie viele Stunden Unterricht erhielten. Da wird einfach davon ausgegangen, dass erwachsene Menschen diese Fähigkeiten irgendwoher mitbekommen haben, so quasi wie durch ein Wunder… worauf es wirklich KEIN Wunder mehr ist, dass Empathie in der Schule, die sich nicht auf einem oberflächtlichen wir-sind-alle-nett-Niveau bewegt, ein Glücksfall ist.
grüsse, barbara
2. Oktober 2009 um 15:47
nur ganz kurz zu Japan: die versuche mit der roboter-lehrerin, ja, die gibt es. ansonsten verkündet jeder kindererziehungsratgeber schon seit den 60er jahren, dass man mit ca. 3 jahren mit einem empathie-training der kinder beginnen soll. empathie ist in japan also - im gegensatz zu deutschland - absolut kein fremdwort, sondern realität in der sozialisationsphase.
30. März 2009 um 09:48
Sehr guter Kommentar zur Entwicklung des Erziehungssystems.
Und wofür Roboter in der Erziehung gut sind? Um Roboter zu erziehen…