Politik und Feingespür haben seit einigen Jahren ihren gemeinsamen Weg verlassen. Das Gleiche gilt für unternehmenspolitische Entscheidungen. Dass Hartmut Mehdorn die groß angelegte, über neun Jahre verlaufende Bespitzelungsaffäre der Deutschen Bahn an 173.000 Mitarbeitern bagatellisiert, zeugt nicht von feinem Stil.

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Dass der Vorstandschef sich dann aber gegebenüber dem Aufsichtrat wundert, dass es der Deutschen Bahn bisher nicht gelungen sei, “in der Öffentlichkeit und den Medien Vertrauen und Verständnis für unsere Position zu finden”, lässt an seinem Einfühlungsvermögen und einer situativen Anpassung an soziale Konventionen zweifeln.

Lange ließ Mehdorn mit einer angemessenen Reaktion auf sich warten. Die Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL forderten ihn “mehrfach eindringlich auf [...], sich für den umstrittenen Massenabgleich von Mitarbeiterdaten zu entschuldigen” (ZEIT online vom heutigen Tag). Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee kritisierte den Bahnchef mit den Worten: “Es dauert zu lange, und es kommt nicht konsequent und im Ganzen ans Tageslicht.” Eine schriftliche Entschuldigung Mehdorns wurde nicht nur als ungenügend bezeichnet, sondern durch folgende Aussage Mehdorns konterkariert:

“Wir werden das wieder machen, wenn´s drauf ankommt.” (ZEIT online, 03. Januar 2009)

Soziale Kompetenz als Mittel des Krisenmanagements sieht anders aus. Viel an Mehdorns aktuellem Verhalten zeugt von einem großen Maß an fehlendem Taktgefühl und mangelnder Empathie. Denn ein Verständnis für die eigene Position einzufordern, sich offensichtlich jedoch nicht in die Bespitzelten hineinzuversetzen - ihre Enttäuschung wahrzunehmen, aufzunehmen und ernstzunehmen -, ist genau eine Dimension zu kurz gedacht. Dieses emotionsferne Verhalten verspielt das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden in die Marke DB.

Auch ein weiterer Eklat der letzten Tage basiert auf der deutlich hierarchischen Unternehmensstruktur und der veralteten Kommunikationskultur der Deutschen Bahn. Ursache des Eklats war die Veröffentlichung eines internen Prüfberichts des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten zur Bespitzelungs-Affäre auf dem Blog netzpolitik.org. Dem Betreiber Markus Beckedahl ließ die Deutsche Bahn darauf hin eine Unterlassungsklage zukommen.

Dank digitaler Kommunikation verbreitete sich diese DB-Drohgebärde innerhalb kürzester Zeit im Netz und besorgte Beckedahl nicht nur einen großen Zuspruch, sondern auch eine breite journalistische Berichterstattung. Heute machte die Bahn auch in dieser Angelegenheit einen Rückzieher und verkündete, keine weiteren juristischen Schritte gegen Beckedahl zu verfolgen.

Dass die Deutsche Bahn auch hier kommunikativ nicht dazugelernt hat, wird deutlich, wenn man sich folgende Aussage der Pressestelle des Unternehmens zu Gemüte führt:

“Es wird keine gesonderte Mitteilung an die Presse zu diesem Thema geben, auch Markus Beckedahl wird nicht direkt darüber informiert werden, dass die Bahn ihn in dieser Sache nicht mehr behelligen wird.” (Blogpost vom heutigen Tag auf netzpolitik.org)

Fazit:
Eine offene, authentische Entschuldigung bei den Betroffenen und der Öffentlichkeit hätte in beiden Krisenfällen ein schnelleres und nachhaltiges Verständnis bei der Gesellschaft ausgelöst als der zwanghafte Versuch, Kontrolle beizubehalten und auszuüben. Unternehmen und Politik sollten sich schnellstens und eingehend mit digitalen Kommunikationsstrategien, dem Phänomen Social Media und der Möglichkeit des direkten Dialogs auseinandersetzen - vielleicht reicht hierzu schon das Gegenübersitzen und Zuhören auf bunt gefärbten Bahnsitzen.

Veröffentlicht am 6. Februar 2009 um 20:21
In den Kategorien: Business, Politik

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Kommentare zu “Die Deutsche Bahn 2.0 - Zum Scheitern verurteilte Krisenkommunikation”

Björn Eichstädt

Ich kann fast allem zustimmen, aus Sicht eines PRlers aber folgendem Passus des Fazits nur eingeschränkt: “zwanghafte Versuch, Kontrolle beizubehalten und auszuüben”. Stopp! Das ist die Aufgabe der PR eines Unternehmens, zu versuchen die Kontrolle zu behalten. Doch WIE das hier versucht wurde, das ist eben der Punkt. Nämlich auf eine sehr ungeschickte Art und Weise, durch Unterdrückungsstrategien der Vorvergangenheit. Wenn sie versucht hätten die Kontrolle über die Diskussion auf eine offensive Art und Weise zu behalten - dann wäre das wohl etwas anderes gewesen…

Jörg

Liebe Nadia,

wenn es hier einen “Daumen-hoch”-Button geben würde, hätte ich ihn geklickt. Mehrfach!

Kollegiale Grüße nach Stuttgart
Jörg

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