Gesellschaft des Glücks – Vom Austausch in sozialen Netzwerken
Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Politik, Wissenschaft | 10 KommentareMit großer Wucht schlägt der gesellschaftliche Wandel dieser Tage auf. Die „Krise“ ist das inflationär verwendete sprachliche Pendant zur Unsicherheit, die uns alle erschüttert. Erstmals wird dieser Wandel von vielen Seiten gestaltet - und nicht exklusiv von politischen und wirtschaftlichen Akteuren. Erstmals meldet sich eine Vielzahl von Menschen mit einer Vehemenz zu Wort, die ihresgleichen sucht. Und sie werden gehört. Möglich macht diese soziale Teilhabe das Internet und der darin gelebte digitale Austausch: eine wahre Chance für den demokratischen Prozess.

Neu sind soziale Netzwerke nicht. Sie bestehen seit Anbeginn der Menschheit. Doch die digitale Rennaissance dieser Verbünde weist deutlich darauf hin, dass Familien, Partner, Freunde in den letzten Jahren das grundlegende Bedürfnis nach Zusammenhalt nicht ausleben konnten. Überbordende Flexibilität, globalisierte Gesellschaften und fragwürdige Umverteilungen des Kapitals offenbaren ihre gewichtigen Nachteile für das Individuum und sein soziales Milieu.
Erstaunlicher ist umsomehr, wie positiv ein Teil der Gesellschaft diese Umstände für sich umdeutet: Kleine, global verlaufende Netzgemeinschaften schießen aus dem Boden, organisieren und strukturieren sich autodidaktisch, erstellen eigene Bedarfs- und Konsumgüter, generieren Spezialinteresse und Währungssysteme. „The long tail“ nennt das Chris Anderson, der den neu erstarkenden Nischenmärkten und ihrer massiven Wirtschaftskraft ein ganzes Buch gewidmet hat.
Nur folgerichtig ist, dass diese Tribalisierung der Gesellschaft einem anthropologischen Grundbedürfnis folgt: dem Wunsch nach Gemeinschaft und sozialem Miteinander. So beobachten wir ganz aktuell, wie sich der Homo sociologicus immer stärker von den Großmärkten entkoppelt und sich stattdessen in (Kleinst-)Netzwerken mit Gleichgesinnten organisiert. In dieser neuen, ideellen Nähe erfindet er sich und sein Glück neu.
Wie ansteckend das Glück des Einzelnen auf die Umgebung wirkt, erforschten James Fowler (University of California) und Nicholas Christakis (Harvard Medical School) auf der Grundlage der Langzeitstudie „Framing Heart Study“. Die Wissenschaftler extrahierten daraus standardisierte Daten aus 20 Jahren und analysierten auf diesem Weg retrospektiv das Befinden von 4.739 Probanden. Das Ergebnis:
Glück verbreitet sich in sozialen Netzwerken viral.
Und: Je glücklicher das Umfeld, desto glücklicher das Individuum und vice versa.
Es zeigte sich außerdem, dass besonders glückliche Menschen meist im Mittelpunkt eines sozialen Netzwerks stehen und dass sich in sozialen Gefügen glückliche und unglückliche Menschen in Clustern gruppieren. So finden sich im Umfeld von zufriedenen Menschen hauptsächlich Gleichgesinnte. Das eigene Glück kann sich bis zum dritten Kontaktgrad auswirken und ist demnach ein Netzwerk-Phänomen par excellence.
Diese Form der emotionalen Ansteckung findet durch das World Wide Web nun gänzlich neue Reichweiten. Wie Glück auch digital ausgetauscht werden kann und welche Rolle soziale Online-Netzwerke hierbei spielen, lässt sich bereits erahnen – und bald nachlesen. Fowler und Christiakis arbeiten bereits an der nächsten Studie, in der 1.700 Studenten mitsamt ihres Facebook-Profils untersucht werden. Das Forschungsvorhaben trägt den schönen Titel „Smiling in an Online-Network of College Students“.
Anleitung zum Glücklichsein:
Jeder zusätzliche glückliche Freund erhöht die Wahrscheinlichkeit des eigenen Glückgefühls um rund 9 Prozent.
Weiterlesen:
James H. Fowler und Nicholas A. Christakis (2008): “Dynamic spread of happiness in a large social network: longitudinal analysis over 20 years in the Framingham Heart Study”. In: British Medical Journal 337: a2338; doi:10.1136/bmj.a2338 (4. Dezember 2008)
DIE ZEIT Titelthema „Die Kraft des Zusammenlebens“ (Nr. 17 / 16. April 2009)
Kritik der praktischen Vernunft:
Soziale Netzwerke schaden nicht der Moral, wie etliche Online-Portale jüngst berichteten (von FOCUS online bis hin zum Schweizer Tagesanzeiger.ch und der Webversion des Telegraph). Allesamt übernahmen ungeprüft eine Meldung auf “Mail Online”, die eine Studie großzügig auf webbasierte Social Networks ummünzte. Co-Autor und Emotionsforscher Antonio Damasio bestätigte jedoch, dass das Studiensetting keinerlei Zusammenhang mit Online-Netzwerken aufwies.


