19. April 2009

Gesellschaft des Glücks – Vom Austausch in sozialen Netzwerken

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Politik, Wissenschaft | 10 Kommentare

Mit großer Wucht schlägt der gesellschaftliche Wandel dieser Tage auf. Die „Krise“ ist das inflationär verwendete sprachliche Pendant zur Unsicherheit, die uns alle erschüttert. Erstmals wird dieser Wandel von vielen Seiten gestaltet - und nicht exklusiv von politischen und wirtschaftlichen Akteuren. Erstmals meldet sich eine Vielzahl von Menschen mit einer Vehemenz zu Wort, die ihresgleichen sucht. Und sie werden gehört. Möglich macht diese soziale Teilhabe das Internet und der darin gelebte digitale Austausch: eine wahre Chance für den demokratischen Prozess.

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Neu sind soziale Netzwerke nicht. Sie bestehen seit Anbeginn der Menschheit. Doch die digitale Rennaissance dieser Verbünde weist deutlich darauf hin, dass Familien, Partner, Freunde in den letzten Jahren das grundlegende Bedürfnis nach Zusammenhalt nicht ausleben konnten. Überbordende Flexibilität, globalisierte Gesellschaften und fragwürdige Umverteilungen des Kapitals offenbaren ihre gewichtigen Nachteile für das Individuum und sein soziales Milieu.

Erstaunlicher ist umsomehr, wie positiv ein Teil der Gesellschaft diese Umstände für sich umdeutet: Kleine, global verlaufende Netzgemeinschaften schießen aus dem Boden, organisieren und strukturieren sich autodidaktisch, erstellen eigene Bedarfs- und Konsumgüter, generieren Spezialinteresse und Währungssysteme. „The long tail“ nennt das Chris Anderson, der den neu erstarkenden Nischenmärkten und ihrer massiven Wirtschaftskraft ein ganzes Buch gewidmet hat.

Nur folgerichtig ist, dass diese Tribalisierung der Gesellschaft einem anthropologischen Grundbedürfnis folgt: dem Wunsch nach Gemeinschaft und sozialem Miteinander. So beobachten wir ganz aktuell, wie sich der Homo sociologicus immer stärker von den Großmärkten entkoppelt und sich stattdessen in (Kleinst-)Netzwerken mit Gleichgesinnten organisiert. In dieser neuen, ideellen Nähe erfindet er sich und sein Glück neu.

Wie ansteckend das Glück des Einzelnen auf die Umgebung wirkt, erforschten James Fowler (University of California) und Nicholas Christakis (Harvard Medical School) auf der Grundlage der Langzeitstudie „Framing Heart Study“. Die Wissenschaftler extrahierten daraus standardisierte Daten aus 20 Jahren und analysierten auf diesem Weg retrospektiv das Befinden von 4.739 Probanden. Das Ergebnis:




Glück verbreitet sich in sozialen Netzwerken viral.





Und: Je glücklicher das Umfeld, desto glücklicher das Individuum und vice versa.

Es zeigte sich außerdem, dass besonders glückliche Menschen meist im Mittelpunkt eines sozialen Netzwerks stehen und dass sich in sozialen Gefügen glückliche und unglückliche Menschen in Clustern gruppieren. So finden sich im Umfeld von zufriedenen Menschen hauptsächlich Gleichgesinnte. Das eigene Glück kann sich bis zum dritten Kontaktgrad auswirken und ist demnach ein Netzwerk-Phänomen par excellence.

Diese Form der emotionalen Ansteckung findet durch das World Wide Web nun gänzlich neue Reichweiten. Wie Glück auch digital ausgetauscht werden kann und welche Rolle soziale Online-Netzwerke hierbei spielen, lässt sich bereits erahnen – und bald nachlesen. Fowler und Christiakis arbeiten bereits an der nächsten Studie, in der 1.700 Studenten mitsamt ihres Facebook-Profils untersucht werden. Das Forschungsvorhaben trägt den schönen Titel „Smiling in an Online-Network of College Students“.




Anleitung zum Glücklichsein:

Jeder zusätzliche glückliche Freund erhöht die Wahrscheinlichkeit des eigenen Glückgefühls um rund 9 Prozent.


Weiterlesen:

James H. Fowler und Nicholas A. Christakis (2008): “Dynamic spread of happiness in a large social network: longitudinal analysis over 20 years in the Framingham Heart Study”. In: British Medical Journal 337:
a2338;
doi:10.1136/bmj.a2338 (4. Dezember 2008)

DIE ZEIT Titelthema „Die Kraft des Zusammenlebens“ (Nr. 17 / 16. April 2009)


Kritik der praktischen Vernunft:

Soziale Netzwerke schaden nicht der Moral, wie etliche Online-Portale jüngst berichteten (von FOCUS online bis hin zum Schweizer Tagesanzeiger.ch und der Webversion des Telegraph). Allesamt übernahmen ungeprüft eine Meldung auf “Mail Online”, die eine Studie großzügig auf webbasierte Social Networks ummünzte. Co-Autor und Emotionsforscher Antonio Damasio bestätigte jedoch, dass das Studiensetting keinerlei Zusammenhang mit Online-Netzwerken aufwies.

29. März 2009

Die neue Bildungsstarre - oder: Empathie als Erziehungsziel und -stil

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Menschlich Allzumenschliches, Politik | 6 Kommentare

Der Amoklauf von Winnenden am 11. März 09 setzt erneut einen traurigen Akzent im Disput um das deutsche Bildungswesen. Heftige Diskussionen um die “richtige” Erziehungsmethode ziehen sich bereits seit vielen Monaten durch den gesellschaftlichen Diskurs. Bedenklich schwarz / weiß malen die Wortführer beider Seiten ihre Ideen an die imaginäre Schultafel: Vom “Lob der Disziplin” und der Kunst der autoritären Führung (oft mit bedenklich behavioristischem Denkmodell, das Kindes- und Hundeerziehung auf eine Stufe stellt) bis hin zur komplett autonomen Selbstregulierung des Nachwuchses beim Laissez-faire-Ansatz - beides ist zu kurz gedacht.

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Die Leitfragen hinter den Lehrkonzepten bleiben nach wie vor gültig:
Wie können Kinder zu selbstbewussten, kritischen denkenden und hinterfragenden Menschen erzogen werden? Auf welche Weise lehrt man sie die Eigenständigkeit, ihre Talente zu entdecken, aktiv zu entfalten und trotzdem sozial zu denken und zu handeln?

Ein wichtiger, viel zu lange vernachlässigter Schlüssel liegt in der Empathiefähigkeit - sich selbst als auch den Mitmenschen gegenüber. Denn wer für das ureigenste Selbst keine Einfühlung besitzt, wird es schwer haben, diese zu anderen aufzubauen. Empathie spielt deshalb eine zentrale Rolle in den zu vermittelnden Lehrinhalten. Denn der durchgenommene Schulstoff formt die späteren Denkweisen der Schüler.

Ob der literarische Kanon für den Deutschunterricht tatsächlich noch aktuell ist und damit dem Leben der Kinder entspricht, sollte deshalb ebenso regelmäßig geklärt werden wie der Anteil gelebter Empathie im Unterricht. Denn nicht nur die Wissensinhalte verdienen eine Überprüfung auf gezielte Empathieschulung. Auch in der Didaktik (also der Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens) bedarf es eines Umdenkens. So ergänzt und festigt die einfühlende Beziehung zwischen Lehrpersonal und Schülern die vermittelten Inhalte auf einer formal-theoretischen Ebene.

Deshalb der Aufruf an Politik und Entscheidungsträger im Bildungsbereich:
Im didaktischen Dreieck Lehrer - Schüler - Lehrinhalt muss Empathie neu verortet und nachhaltig verankert werden. Eine Bildungssozialisation, in der bereits Kleinstkinder auf Konkurrenz und Leistung gedrillt werden, hinterlässt erheblichen Schaden in der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der sich ein Leben lang auswirken kann.

Zusätzlich zu dieser Dimension gilt es, gesamtgesellschaftliche Faktoren zu überprüfen und zu verändern. Mehr Empathie für die Belange der Kinder, das können nicht ausschließlich Lehrer leisten. Parallel liegt diese Aufgabe in der Verantwortung der Erziehungsberechtigten, die diese Berechtigung als Pflicht verstanden sehen müssen. Wann haben Sie Ihr Kind / Ihre Nichte / Ihr Patenkind gefragt, was es empfindet und ob es sich verstanden fühlt?

Kritik:
Was der Einsatz von Lehrer-Robotern über die Wertschätzung von Kindern in Japan aussagt, darüber soll sich jeder selbst sein Urteil bilden. Und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten, damit solch ein computergesteuerter, chipversetzter Lehrkörper nicht auch in unserem Bildungssystem zum Einsatz kommt, um Schüler zum Weinen zu bringen und emotional verkümmern zu lassen. Für die Ausbildung, für die Investition in unsere Zukunftsträger reichen sechs ruckelige Emotionen einfach nicht aus.

6. Februar 2009

Die Deutsche Bahn 2.0 - Zum Scheitern verurteilte Krisenkommunikation

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Business, Politik | 2 Kommentare

Politik und Feingespür haben seit einigen Jahren ihren gemeinsamen Weg verlassen. Das Gleiche gilt für unternehmenspolitische Entscheidungen. Dass Hartmut Mehdorn die groß angelegte, über neun Jahre verlaufende Bespitzelungsaffäre der Deutschen Bahn an 173.000 Mitarbeitern bagatellisiert, zeugt nicht von feinem Stil.

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Dass der Vorstandschef sich dann aber gegebenüber dem Aufsichtrat wundert, dass es der Deutschen Bahn bisher nicht gelungen sei, “in der Öffentlichkeit und den Medien Vertrauen und Verständnis für unsere Position zu finden”, lässt an seinem Einfühlungsvermögen und einer situativen Anpassung an soziale Konventionen zweifeln.

Lange ließ Mehdorn mit einer angemessenen Reaktion auf sich warten. Die Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL forderten ihn “mehrfach eindringlich auf [...], sich für den umstrittenen Massenabgleich von Mitarbeiterdaten zu entschuldigen” (ZEIT online vom heutigen Tag). Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee kritisierte den Bahnchef mit den Worten: “Es dauert zu lange, und es kommt nicht konsequent und im Ganzen ans Tageslicht.” Eine schriftliche Entschuldigung Mehdorns wurde nicht nur als ungenügend bezeichnet, sondern durch folgende Aussage Mehdorns konterkariert:

“Wir werden das wieder machen, wenn´s drauf ankommt.” (ZEIT online, 03. Januar 2009)

Soziale Kompetenz als Mittel des Krisenmanagements sieht anders aus. Viel an Mehdorns aktuellem Verhalten zeugt von einem großen Maß an fehlendem Taktgefühl und mangelnder Empathie. Denn ein Verständnis für die eigene Position einzufordern, sich offensichtlich jedoch nicht in die Bespitzelten hineinzuversetzen - ihre Enttäuschung wahrzunehmen, aufzunehmen und ernstzunehmen -, ist genau eine Dimension zu kurz gedacht. Dieses emotionsferne Verhalten verspielt das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden in die Marke DB.

Auch ein weiterer Eklat der letzten Tage basiert auf der deutlich hierarchischen Unternehmensstruktur und der veralteten Kommunikationskultur der Deutschen Bahn. Ursache des Eklats war die Veröffentlichung eines internen Prüfberichts des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten zur Bespitzelungs-Affäre auf dem Blog netzpolitik.org. Dem Betreiber Markus Beckedahl ließ die Deutsche Bahn darauf hin eine Unterlassungsklage zukommen.

Dank digitaler Kommunikation verbreitete sich diese DB-Drohgebärde innerhalb kürzester Zeit im Netz und besorgte Beckedahl nicht nur einen großen Zuspruch, sondern auch eine breite journalistische Berichterstattung. Heute machte die Bahn auch in dieser Angelegenheit einen Rückzieher und verkündete, keine weiteren juristischen Schritte gegen Beckedahl zu verfolgen.

Dass die Deutsche Bahn auch hier kommunikativ nicht dazugelernt hat, wird deutlich, wenn man sich folgende Aussage der Pressestelle des Unternehmens zu Gemüte führt:

“Es wird keine gesonderte Mitteilung an die Presse zu diesem Thema geben, auch Markus Beckedahl wird nicht direkt darüber informiert werden, dass die Bahn ihn in dieser Sache nicht mehr behelligen wird.” (Blogpost vom heutigen Tag auf netzpolitik.org)

Fazit:
Eine offene, authentische Entschuldigung bei den Betroffenen und der Öffentlichkeit hätte in beiden Krisenfällen ein schnelleres und nachhaltiges Verständnis bei der Gesellschaft ausgelöst als der zwanghafte Versuch, Kontrolle beizubehalten und auszuüben. Unternehmen und Politik sollten sich schnellstens und eingehend mit digitalen Kommunikationsstrategien, dem Phänomen Social Media und der Möglichkeit des direkten Dialogs auseinandersetzen - vielleicht reicht hierzu schon das Gegenübersitzen und Zuhören auf bunt gefärbten Bahnsitzen.

31. Januar 2009

Empathie = die neue politische Strategie

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Politik | 2 Kommentare

Politik hat präzise zu sein, präzise und neutral. Politiker müssen mit kühlem Kopf entscheiden - speziell in Krisen- und Kriegszeiten. Das Ergebnis dieser Entscheidungen hat dann oft erschreckend wenig mit sozialer Wärme und Empathie zu tun. Stattdessen beschränkte sich die deutsche Politik in den letzten Jahren allzuoft darauf, unseren (ungleich verteilten) Wohlstand, festgefahrene Entscheidungsstrukturen und starre Hierarchien zu betonieren.

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Der große Ethnologe Claude Lévi-Strauss prägte eine treffende Bezeichnung für eine Kultur wie die unsere. Eine, die ihre eigene Geschichte konserviert: die kalte Gesellschaft - frei nach dem Motto “Willkommen Stillstand, weiche Veränderung!”

Doch seit einigen Monaten lässt sich im internationalen Staatswesen ein schleichender Umschwung beobachten. Erst gestern kam es auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer ungewohnt erhitzten, da emotionalen Situation: Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan verließ die Bühne. Ihm wurde eine ausreichende Redezeit verwehrt, um auf die vorhergehende Rede zum Gaza-Krieg von Israels Präsident Simon Peres einzugehen. Nicht nur der Abgang Erdogans sorgte für erstaunte Gesichter. Er hinterließ einen sichtlich nachdenklichen Peres, der sich anschließend telefonisch bei Erdogan für “die Art und Weise, in der er gesprochen habe” entschuldigte, so die Tagesschau.

In den letzten Jahren kam es selten zu solchen Reaktionen, kaum ein Politiker musste sich vorwerfen lassen: “You lost your cool.” Doch die Kühle bricht auf. Einen gewichtigen Anteil daran trägt Barack Obama. Seine Reden sind gespickt mit Metaphern der Aufmerksamkeit, Fairness und des gegenseitigen Respekts. Seine Interviews vermitteln Verständnis für die Situation anderer Kulturen, er offenbart Empathie, fast Wärme. Beispielsweise im ersten Interview nach seinem Amtsantritt mit dem arabischen Fernsehsender Al-Arabiya (am 26. Januar):

“[W]hat you’ll see is somebody who is listening, who is respectful, and who is trying to promote the interests not just of the United States, but also ordinary people who right now are suffering from poverty and a lack of opportunity. I want to make sure that I’m speaking to them, as well.” (Transkript msnbc.com / White House)

Auch ein deutscher Politiker setzte jüngst ein Zeichen digitaler Empathie. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, unterzeichnete online eine Erklärung der Initiative özür diliyorum - und entschuldigt sich damit für den Massenmord an Armeniern im ersten Weltkrieg.

„Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, der die osmanischen Armenier 1915 ausgesetzt waren, ohne Sensibilität behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück, ich persönlich teile die Gefühle und den Schmerz meiner armenischen Brüder, und ich entschuldige mich bei ihnen“,

lautet der Text, dem mittlerweile 28.434 Menschen mit ihrer Unterschrift Emphase verliehen haben. Was diese öffentliche Bekenntnis für die Opfer bedeutet und wie viele Menschen sich von dieser Empathiebekundung anstecken und leiten lassen, lässt sich nicht messen. Aber in all ihrer Wirkungskraft erahnen. Dazu mehr im nächsten Blogeintrag.