8. März 2009

Gefühlsexperten: Weshalb Musiker emotional bestens gestimmt sind

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Musik, Wissenschaft | 3 Kommentare

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“Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum”, davon war bereits Nietzsche überzeugt. Wie bedeutend Musik für den menschlichen Austausch ist, belegt ebenfalls eine neue Studie der Northwestern University. Das Ergebnis kurz und kompakt: Je größer die eigene musikalische Erfahrung ist, desto leichter fällt es uns, die Gefühle im Klangbild des Gegenübers herauszufiltern. Egal welche Stimmung der andere in sich trägt, können musikalisch Geschulte feinste emotionale Schwingungen heraushören.

Die Hauptautorin der Studie, Dana Strait, fand heraus, dass nicht nur die Dauer der musikalischen Sozialisation, sondern auch der Zeitpunkt, an dem diese begonnen hat, für das emotionale Gespür von Klängen ausschlaggebend ist. Diese beiden Aspekte wurden berücksichtigt, als die Studienteilnehmer – 30 Frauen und Männer in einer Altersspanne von 19 bis 35 Jahren, mit sowie ohne musikalische Ausbildung – auf ihr emotionales Finetuning untersucht wurden.

Die Forscher beobachteten die Hirnaktivitäten bei drei akustischen Parametern (Tonhöhe, Takt und Timbre), während die Probanden emotionalen Klängen lauschten. Die Nervenzellen der Musiker wiesen dabei eine feinere Gefühlsgestimmtheit auf. So reagierte der musikalisch geschulte Hirnstamm auf komplexere Geräuschanteile mit weit ausschlagenden Reaktionskurven, während weniger komplizierte, wiederkehrende Anteile wenig Hirnaktivität auslösten. Gerade komplexe Liedabschnitte transportieren zusätzliche wichtige Information, beispielsweise: Emotionen.

Dagegen wiesen die musikalisch Ungeschulten exakt die umgekehrte Hirnaktivität in diesem Studiensetting auf. Dana Strait vermutet nun den Vorteil der Musiker darin, dass

[...] their brains respond more quickly and accurately than the brains of non-musicians. [This] is something we’d expect to translate into the perception of emotion in other settings.” (northwestern.edu)

Neben anderen Settings kann diese Studie auch für pathologische Bilder von großer Bedeutung sein. Denn dort, wo die Musikerhirne effizient und brillant komplexe Strukturen verarbeiteten, haben Kinder mit Sprachstörungen wie Dyslexie und Autismus neuronale Kodierungshürden zu überwinden.

It would not be a leap to suggest that children with language processing disorders may benefit from musical experience,

formuliert Nina Kraus, Professorin der Kommunikationswissenschaften und Neurobiologie sowie Co-Autorin der Studie. Dana Strait geht in ihren Aussagen einen Schritt weiter: Auf Grundlage ihrer eigenen Arbeit mit autistischen Kindern und ihren musikalischen Fertigkeiten an Klavier und Oboe legt sie nahe, dass Musik-Training und -Therapie die Emotionserkennung bei diesen Gruppen fördern könnte.

Ein interessanter Ansatz, der Fragen dazu aufwirft, inwieweit Spiegelneurone und Musikalität miteinander verwoben sind. Denn auch die spiegelnden Nervenzellen in unseren Köpfen lassen uns auf das Gegenüber einschwingen. Und ihre geringe Anzahl oder Absenz wird in Studien immer wieder mit autistischen Verhaltensweisen assoziiert.


Weiterlesen:

Die Studie:
Strait D., Kraus N., Skoe E., Ashley R. (2009): Musical Experience and Neural Efficiency: Effects of Training on Subcortical Processing of Vocal Expressions in Emotion. S. 661-668 in: European Journal of Neuroscience (Vol. 29 / Issue 3)


Weitersehen:

Wie Musik, Text und Web verschmelzen, haben Björn Eichstädt und ich in einer aktuellen Performance umgesetzt. Auf der CeBIT und im Rahmen des Messeareals “Webciety” setzten wir Klang, Gefühl und Sinn in einen neuen digitalen Kontext. Die Performance vom 7. März 2009 ist Teil dieses Videos – zum Ansehen einfach den Fortschrittsregler auf Minute 57:50 setzen.

18. Januar 2009

Erfolgreiche virale Kampagnen #1: Der musikalische Flashmob

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Marketing und PR, Musik | 3 Kommentare

Für die Werber unter uns ein Video wie ein viraler Hauptgewinn:
Phantastisch dargestellt, wie Musik und Gruppendynamik zusammenfließen.

Wieder ein Beweis, dass gute virale Kampagnen ein Gefühl von Unmittelbarkeit vermitteln. Mal ehrlich: wer hätte sich nicht geärgert, mitten drin zu stecken und die Choreographie nicht zu kennen?

Popkulturelles Kontextwissen:
Das genaue Gegenteil von Choreographie am exakt selben Ort, der Liverpool Street Station = pures Chaos ab Minute 4:07 auf YouTube.

Tipp:
Videos nebeneinander laufen lassen.

16. Januar 2009

Erste Geige lässt Musik fühlen

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Musik | 1 Kommentar

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Jeder von uns nutzt Musik – mehr oder weniger intensiv. Um abzuschalten, sich abzureagieren, zu fokussieren. Das Phänomen Musik nutzte Deutschlandradio Kultur heute für einen spannenden Hinweis auf Julia Fischer. Mit 23 Jahren ist die Münchnerin keineswegs mit Joschka Fischer verbandelt, sondern die jüngste Professorin Deutschlands. Ihre Disziplin: die Violine.

Auf den Zusammenhang zwischen Musik und Empathie zielt das folgende Zitat Fischers in diesem Radiobeitrag:

“(…) es gibt eine Trennlinie zwischen der Kunst und dem Entertainment. Unterhalten heißt amüsieren. Das will ich nicht, sondern ich will als Künstlerin die Menschen erziehen. Ich will, daß sie fühlen lernen.” (FAZ vom 24.02.2008, Nr. 8 )

Das gesamte FAZ-Interview vermittelt einen faszinierenden Eindruck ihrer präzisen Weltanschauung und die Schulung von Empathie durch Musik .

Was den meisten von uns vorenthalten bleibt, erlebt Julia Fischer täglich: Einfühlung als passiver und aktiver Akt. Aktiv betrieben lässt sie ihre Zuhörer ihre Musik fühlen. Passiv verstanden muss sie “[a]ls reproduzierender Künstler [...] die Gabe haben, sich in andere Menschen hineinzuversetzen” (s.o.).
Kaum verwunderlich, dass bei der passiven Einfühlung jedes Mal ein anderes Ergebnis herauskommt. Nie wurde ein Stück auf die gleiche Art und Weise gespielt und interpretiert, denn jeder Musiker bringt seinen eigenen Erfahrungsschatz und -horizont mit. Und jeder besitzt damit eine ganz eigene Grundlage für die Einfühlung in andere Menschen.

Diese Grundlage und Fähigkeit zur Empathie entwickelt sich bereits in den ersten Lebenswochen und -monaten. Ohne die direkte Interaktion mit vertrauten Personen erleiden Kleinkinder oft langanhaltende Defizite, wenn es es darum geht, sich in andere hineinzuversetzen.
Von diesen frühesten Erfahrungen an begleitet uns Empathie ein Leben lang: Sie ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses, der stark mit Lernen, Imitation und Spiegelung verbunden ist. Deshalb zum Schluss nochmals ein Zitat von Julia Fischer, dass sich auf ein Lebensalter bezieht, das mit besonders starker neuronaler Umstrukturierung und Vernetzung verbunden ist:

“Warum Schüler sich mit Musik befassen sollten, hat den einfachen Grund: weil sie als reifere Menschen aus dem Musikunterricht rausgehen. Es dreht sich doch sehr viel, vielleicht alles im Leben eines Menschen darum, dass wir andere Menschen verstehen, mit ihnen mitfühlen.” (aus: Die ZEIT vom 17.12.2008, Nr. 52)