11. Februar 2009

Wikipedia-Welt und Informationsflut - Lernen von Savants

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Gehirn und Geist | 1 Kommentar

Das Schlagwort “crossmediale Kommunikation” hat Einzug gehalten in Redaktionsflure, PR-Agenturen und Kommunikationsstabsstellen. Dort wird es gerne nonchalant und inflationär verwendet - immer mit dem Ziel, verschiedene Contentkanäle miteinander zu verknüpfen.

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Crosscerebrale Kommunikation hingegen findet nicht auf YouTube, via Newsletter oder Webcasts statt, sondern im Gehirn besonderer Menschen. Daniel Tammet ist einer dieser Menschen: Der 30-jährige Brite ist ein Inselbegabter, auch Savant genannt. Mit idiosynkratischen Eigenschaften und speziellen Fähigkeiten ausgestattet, sehen und empfinden sie die Welt ganz anders. Einige Savants verfügen über ein brilliantes fotografisches Gedächtnis, andere lernen eine neue Sprache in nur einer Woche; und oft staunt das Umfeld über ihr phänomenales Zahlengedächtnis und ihr mathematisches Geschick.

Zum ersten Mal schildert mit Daniel Tammet ein Savant, welche Gefahren er im Internet sieht und welche Nachteile eine Wikipedia-Welt mit sich bringen kann (FAZ.NET vom 04.02.2009):

[Das Internet] hat das Potential, unseres Denkens sehr zu schaden. Viele Menschen haben vergessen, dass die Information nicht so wichtig ist wie die Idee dahinter. Informationen sind eine Ansammlung von Daten, jede Information für sich ist nutzlos, wenn wir sie nicht in einen Zusammenhang setzen und interpretieren können.

Nicht umsonst ruft die Netzwelt verstärkt nach semantischen Lösungen. Diese Tools sollen die Ideen hinter der schieren Informationsmasse transparent werden lassen. Denn ein Zusammenhang zwischen Informationen ist nicht durch eine reine Verlinkung hergestellt. Stattdessen müssen Muster, sinnstrukturierte Patterns den Content sinnhaft verbinden und auf einer qualitativen Ebene zusammenführen. Ein durchaus ambitioniertes Vorhaben, das beispielsweise vom World Wide Web Consortium (W3C) und dem Forschungsprogramm THESEUS des BMWi verfolgt wird.

Zurück zum Interview, das an einer Stelle besonders interessant wird: Tammet schwört vom reinen Faktenwissen ab. Auf die Frage, wie wir unser Gedächtnis trainieren können, antwortet er schlicht:

Egal, was Sie lernen, es geht darum, ein tieferes Verständnis zu entwickeln und sich nicht nur auf die Fakten zu konzentrieren.

Und dass Lernen mit Körpereinsatz erfolgsversprechender ist, als sich Wissen ohne Kontext, Sinn und Verstanz einzubimsen, nimmt Tammet gleichfalls im Interview auf - in Form einer kleinen Kritik der Lerndidaktik:

Lernen hat nicht nur was mit unseren Köpfen zu tun, es bezieht auch unseren Körper mit ein. Es hängt davon ab, wo wir sind, wie wir uns bewegen. Denken Sie an Schauspieler, die sich große Textmengen merken können, weil sie sich mit ihrem Körper behelfen.

Das Lernen mit Körpereinsatz beruht dabei auch auf ganz basaler Ebene. Spiegelneurone ermöglichen es uns, komplexe zielgerichtete Bewegungsabläufe innerlich nachzuvollziehen - und dass ohne unser aktives Bewusstsein und Wissen. Damit verfügen wir über eine körperbasierte Methode, mit der wir die Aktionen des Gegenübers instantan deuten lernen, sie einschätzen und in einem weiteren Schritt entsprechend reagieren können. Auch wenn unsere Gehirne nicht dermaßen speziell crosscerebral vernetzt sind wie die einiger Savants, verfügen wir doch über Mirror Neuron Circuits, die eigene Bewegungen und Imitationslernen miteinander verknüpfen (vgl. Neuron 2004).

Wer Savants nicht in aber vor den Kopf schauen möchte, erhält mehr Einblicke in einer fünfteiligen Reihe auf YouTube. Hier die erste Folge:

28. Januar 2009

Gesichter lesen für Fortgeschrittene

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Gehirn und Geist, Wissenschaft | 5 Kommentare

Wem der Name Paul Ekman bekannt vorkommt, der hat ein grundsätzliches Interesse an Emotionsforschung und nonverbaler Kommunikation. Oder er hat den letzten Blogeintrag über das Training interkulturellen Trinkens komplett gelesen. Glückwunsch!

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Süddeutsche online bescherte uns mit genau diesem Paul Ekman ein Interview der Extra-Klasse mit der offensichtlich besten Einstiegfrage, die ich je gelesen habe: “Guten Tag, Herr Professor, wie geht es mir?” Wer keine Angst vor Außenreflexion hat, wünscht sich wahrscheinlich wie ich an die Stelle des Journalisten: Auge in Auge mit Paul Ekman, dem weltbesten Emotionsentschlüsseler.

Nun wird jeder sich behaupten: “Gesichter lesen? Kinderspiel!” Allerdings zeigt sich hier oft erhebliches Verbesserungspotenzial, das strategisch geschult werden kann. Und welches Programm ließe sich hier besser anwenden als eines, dessen „Väter“ diametral entgegengesetzten Kulturkreisen entstammen? Paul Ekman, Vertreter der westlichen Wissenschaften, und der Dalai Lama, Sprachrohr der östlichen Lehre, entwarfen zusammen das Programm “Cultivating Emotional Balance“, quasi die Essenz beider Traditionen und damit best of both worlds:

“Meditation, Mitgefühl und die wissenschaftlichen Methoden meines Instituts.”

Noch interessanter ist folgende Aussage Ekmans: Nicht nur das Beobachten fremder Gesichtsentgleisungen hat Auswirkungen auf die eigene Stimmung und die Rückschlüsse auf das Innenleben des Gegenübers. Auch unsere eigene motorische Aktion lässt unsere Stimmung mit einem Mal ins Positivste schießen oder ins Bodenlose stürzen. Ekman bestätigt:

“Das Überraschendste an unserer Arbeit war die Feststellung, dass manche Gefühle erst entstehen, weil man einen bestimmten Gesichtsausdruck aufsetzt. An Tagen, an denen wir stundenlang wütende oder depressive Ausdrücke übten, mussten wir uns eingestehen, dass es uns miserabel ging”,

und greift zur Erklärung auf das Gehirn zurück:

“Wenn man bestimmte Muskeln im Gesicht aktiviert, ruft man damit die gleichen Veränderungen im Nervensystem hervor wie das entsprechende Gefühl.”

Das ist ein klarer Hinweis auf die komplexen neuronalen Schaltkreise, die sich in unseren Köpfen aufbauen, vernetzen und stetig verändern - und in diesem Fall den motorischen Cortex mit weiteren Regionen des Gehirns verknüpfen (anzunehmenderweise ist die “Gefühlszentrale” Amygdala unter Einbindung der Spiegelneurone beteiligt).

Tipp:
Über Mitgefühl und den circle of compassion spricht Ekman hier (danke arte!):





Wie groß ist Euer circle of compassion?




22. Januar 2009

Digitale Kommunikation - das Ende der Empathie?

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Gehirn und Geist, Wissenschaft | 8 Kommentare

Die Digitale Evolution erlebt jeder Wissensarbeiter und jeder selbst ernannte Vertreter der Digital Bohème am eigenen Körper: Nach stundenlangem Lesen im Schein des Monitors wissen wir zwar, weshalb Internet-Visionär David Weinberger die Unzitierbarkeit von Barack Obama für dessen größte Stärke hält und dass Sascha Lobo vor exakt zwei Tagen seinen eigenen Blog gelauncht hat.
Genau dieser Zeit berauben wir uns jedoch täglich - und reduzieren so ganz nebenbei die Situationen, in denen wir direkt - ohne digitale Tools und Brücken - mit anderen Menschen in Kontakt treten. (Die Soziologie spricht hier von der Face-to-face-Kommunikation, also der Kommunikationsituation schlechthin.)

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Natürlich bringt der virtuelle Austausch ungesehene Vorteile für den kollektiven Aufbau von Wissen, für Wissensweitergabe- und transformation, für globaler Vernetzung in Echtzeit. Parallel wird jeder aber zwangsläufige Veränderungen im sozialen Umfeld und Kontext erleben. Dass dieser change (da wir gerade schon bei Obama sind) eng mit leibhafter Anwesenheit und neuronalen Strukturen verknüpft ist, mutmaßt auch Vittorio Gallese. Von Haus aus Neurophysiologe besitzt Gallese nicht nur einen klingenden Namen, sondern seit 2007 auch die Auszeichnung für die Entdeckung der Spiegelneurone (gemeinsam mit den ähnlich namensbegnadeten Giacomo Rizzolatti and Leonardo Fogassi).


Sehr konkrete Schlüsse für die Digital Bohème zog Gallese im Interview mit Stefan Klein, das im letzten Jahr im ZEITmagazin leben (Nr. 21/2008) zu lesen war. Kurz umrissen: Je weniger sich Menschen direkt gegenüber stehen, unvermittelt miteinander kommunizieren und sich dabei als bewegende reale Körper wahrnehmen, desto massivere Auswirkungen hat dies auf unser Einfühlungsvermögen.

Der Grund liegt auf der Hand: Empathie entwickelt sich im sozialen Kontext.
Fangen wir ganz vorne an: Spiegelneuronal betrachtet erlernen wir als Neugeborene bereits einfache Bewegungsabläufe, indem wir die Bezugspersonen in ihrer Bewegung beobachten und nachahmen (im Bild sehr schön am Beispiel von Andrew M. Meltzoff zu sehen). Und dabei nach und nach lernen, dass der uns entgegenkommende Löffel mit Brei beladen ist. Im Lauf der Zeit lernen wir durch Imitation, diesen Löffel (mehr oder minder) selbst zu benutzen. Fazit:

“(…) unser gesamtes Denken und Fühlen [beruht] darauf, dass wir die Körper anderer Menschen beobachten, dass wir Dinge anfassen und sie manipulieren.”

Fällt diese gegenseitige Beobachtung und Interaktion über längere Zeit aus, könnten wir Empathie verlernen und vieles, was mit motorischen Grundlagen zu tun hat. “(…) das muss starke Auswirkungen auf unsere sozialen und geistigen Fähigkeiten haben,” konstatiert Gallese. Denn wer seine Spiegelneurone nicht mit sozialen Offline-Situationen pflegt, der lässt seine biologische Grundlage für Einfühlung verkümmern. Und damit ist man dann auch fast schon der Existenz als Geek oder Nerd geweiht.

Fazit:
Hilfe!