29. März 2009

Die neue Bildungsstarre - oder: Empathie als Erziehungsziel und -stil

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Menschlich Allzumenschliches, Politik | 6 Kommentare

Der Amoklauf von Winnenden am 11. März 09 setzt erneut einen traurigen Akzent im Disput um das deutsche Bildungswesen. Heftige Diskussionen um die “richtige” Erziehungsmethode ziehen sich bereits seit vielen Monaten durch den gesellschaftlichen Diskurs. Bedenklich schwarz / weiß malen die Wortführer beider Seiten ihre Ideen an die imaginäre Schultafel: Vom “Lob der Disziplin” und der Kunst der autoritären Führung (oft mit bedenklich behavioristischem Denkmodell, das Kindes- und Hundeerziehung auf eine Stufe stellt) bis hin zur komplett autonomen Selbstregulierung des Nachwuchses beim Laissez-faire-Ansatz - beides ist zu kurz gedacht.

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Die Leitfragen hinter den Lehrkonzepten bleiben nach wie vor gültig:
Wie können Kinder zu selbstbewussten, kritischen denkenden und hinterfragenden Menschen erzogen werden? Auf welche Weise lehrt man sie die Eigenständigkeit, ihre Talente zu entdecken, aktiv zu entfalten und trotzdem sozial zu denken und zu handeln?

Ein wichtiger, viel zu lange vernachlässigter Schlüssel liegt in der Empathiefähigkeit - sich selbst als auch den Mitmenschen gegenüber. Denn wer für das ureigenste Selbst keine Einfühlung besitzt, wird es schwer haben, diese zu anderen aufzubauen. Empathie spielt deshalb eine zentrale Rolle in den zu vermittelnden Lehrinhalten. Denn der durchgenommene Schulstoff formt die späteren Denkweisen der Schüler.

Ob der literarische Kanon für den Deutschunterricht tatsächlich noch aktuell ist und damit dem Leben der Kinder entspricht, sollte deshalb ebenso regelmäßig geklärt werden wie der Anteil gelebter Empathie im Unterricht. Denn nicht nur die Wissensinhalte verdienen eine Überprüfung auf gezielte Empathieschulung. Auch in der Didaktik (also der Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens) bedarf es eines Umdenkens. So ergänzt und festigt die einfühlende Beziehung zwischen Lehrpersonal und Schülern die vermittelten Inhalte auf einer formal-theoretischen Ebene.

Deshalb der Aufruf an Politik und Entscheidungsträger im Bildungsbereich:
Im didaktischen Dreieck Lehrer - Schüler - Lehrinhalt muss Empathie neu verortet und nachhaltig verankert werden. Eine Bildungssozialisation, in der bereits Kleinstkinder auf Konkurrenz und Leistung gedrillt werden, hinterlässt erheblichen Schaden in der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der sich ein Leben lang auswirken kann.

Zusätzlich zu dieser Dimension gilt es, gesamtgesellschaftliche Faktoren zu überprüfen und zu verändern. Mehr Empathie für die Belange der Kinder, das können nicht ausschließlich Lehrer leisten. Parallel liegt diese Aufgabe in der Verantwortung der Erziehungsberechtigten, die diese Berechtigung als Pflicht verstanden sehen müssen. Wann haben Sie Ihr Kind / Ihre Nichte / Ihr Patenkind gefragt, was es empfindet und ob es sich verstanden fühlt?

Kritik:
Was der Einsatz von Lehrer-Robotern über die Wertschätzung von Kindern in Japan aussagt, darüber soll sich jeder selbst sein Urteil bilden. Und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten, damit solch ein computergesteuerter, chipversetzter Lehrkörper nicht auch in unserem Bildungssystem zum Einsatz kommt, um Schüler zum Weinen zu bringen und emotional verkümmern zu lassen. Für die Ausbildung, für die Investition in unsere Zukunftsträger reichen sechs ruckelige Emotionen einfach nicht aus.

8. März 2009

Gefühlsexperten: Weshalb Musiker emotional bestens gestimmt sind

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Musik, Wissenschaft | 2 Kommentare

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“Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum”, davon war bereits Nietzsche überzeugt. Wie bedeutend Musik für den menschlichen Austausch ist, belegt ebenfalls eine neue Studie der Northwestern University. Das Ergebnis kurz und kompakt: Je größer die eigene musikalische Erfahrung ist, desto leichter fällt es uns, die Gefühle im Klangbild des Gegenübers herauszufiltern. Egal welche Stimmung der andere in sich trägt, können musikalisch Geschulte feinste emotionale Schwingungen heraushören.

Die Hauptautorin der Studie, Dana Strait, fand heraus, dass nicht nur die Dauer der musikalischen Sozialisation, sondern auch der Zeitpunkt, an dem diese begonnen hat, für das emotionale Gespür von Klängen ausschlaggebend ist. Diese beiden Aspekte wurden berücksichtigt, als die Studienteilnehmer - 30 Frauen und Männer in einer Altersspanne von 19 bis 35 Jahren, mit sowie ohne musikalische Ausbildung - auf ihr emotionales Finetuning untersucht wurden.

Die Forscher beobachteten die Hirnaktivitäten bei drei akustischen Parametern (Tonhöhe, Takt und Timbre), während die Probanden emotionalen Klängen lauschten. Die Nervenzellen der Musiker wiesen dabei eine feinere Gefühlsgestimmtheit auf. So reagierte der musikalisch geschulte Hirnstamm auf komplexere Geräuschanteile mit weit ausschlagenden Reaktionskurven, während weniger komplizierte, wiederkehrende Anteile wenig Hirnaktivität auslösten. Gerade komplexe Liedabschnitte transportieren zusätzliche wichtige Information, beispielsweise: Emotionen.

Dagegen wiesen die musikalisch Ungeschulten exakt die umgekehrte Hirnaktivität in diesem Studiensetting auf. Dana Strait vermutet nun den Vorteil der Musiker darin, dass

[...] their brains respond more quickly and accurately than the brains of non-musicians. [This] is something we’d expect to translate into the perception of emotion in other settings.” (northwestern.edu)

Neben anderen Settings kann diese Studie auch für pathologische Bilder von großer Bedeutung sein. Denn dort, wo die Musikerhirne effizient und brillant komplexe Strukturen verarbeiteten, haben Kinder mit Sprachstörungen wie Dyslexie und Autismus neuronale Kodierungshürden zu überwinden.

It would not be a leap to suggest that children with language processing disorders may benefit from musical experience,

formuliert Nina Kraus, Professorin der Kommunikationswissenschaften und Neurobiologie sowie Co-Autorin der Studie. Dana Strait geht in ihren Aussagen einen Schritt weiter: Auf Grundlage ihrer eigenen Arbeit mit autistischen Kindern und ihren musikalischen Fertigkeiten an Klavier und Oboe legt sie nahe, dass Musik-Training und -Therapie die Emotionserkennung bei diesen Gruppen fördern könnte.

Ein interessanter Ansatz, der Fragen dazu aufwirft, inwieweit Spiegelneurone und Musikalität miteinander verwoben sind. Denn auch die spiegelnden Nervenzellen in unseren Köpfen lassen uns auf das Gegenüber einschwingen. Und ihre geringe Anzahl oder Absenz wird in Studien immer wieder mit autistischen Verhaltensweisen assoziiert.


Weiterlesen:

Die Studie:
Strait D., Kraus N., Skoe E., Ashley R. (2009): Musical Experience and Neural Efficiency: Effects of Training on Subcortical Processing of Vocal Expressions in Emotion. S. 661-668 in: European Journal of Neuroscience (Vol. 29 / Issue 3)


Weitersehen:

Wie Musik, Text und Web verschmelzen, haben Björn Eichstädt und ich in einer aktuellen Performance umgesetzt. Auf der CeBIT und im Rahmen des Messeareals “Webciety” setzten wir Klang, Gefühl und Sinn in einen neuen digitalen Kontext. Die Performance vom 7. März 2009 ist Teil dieses Videos - zum Ansehen einfach den Fortschrittsregler auf Minute 57:50 setzen.