Wie Gestikulieren die Sprachentwicklung und Schulkompetenz fördert
Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Wissenschaft | Keine Kommentare
Gestikulieren ist nicht jedermanns Sache. Dass sie das aber sein sollte - und zwar so früh wie möglich - zeigt eine neue Studie. Darin belegen die US-Wissenschaftlerinnen Susan Goldin-Meadow und Meredith Rowe, wie eng Sprache und Gestik miteinander verwoben sind. Und dass Kinder stetig dazu ermuntert werden sollten zu winken, zu zeigen und ihre Sprache mit Bewegung zu illustrieren.
Das Forschungsdesign brillierte durch ein zweistufiges Verfahren, in dem von Beginn an Mut zur Diversität lag:
Mit Videokameras ausgestattet besuchte das Forscherteam 50 Familien, in denen ein 14 Monate altes Kind lebte. Dabei wählten Goldin-Meadow und Rowe ihre Forschungsfamilien bewusst aus: Sie sollten aus den unterschiedlichsten sozioökonomischen Verhältnissen stammen.
In jeder Familie wurden 90 Minuten der Eltern-Kind-Kommunikation auf Film gebannt. Die Auswertung des Bewegtbildmaterials offenbart einen deutlichen Zusammenhang: Je höher die Schulbildung und je größer das finanzielle Vermögen der Eltern, desto mehr Begriffe verknüpften die Kinder mit bestimmten Gesten. Während der Nachwuchs wohlhabender Familien ganze 24 Gesten mit unterschiedlicher Bedeutung differenzieren konnte, waren es in ärmeren Familien lediglich 13 Gesten.
Beim Forschungsdesign setzten die Forscherinnen im zweiten Schritt aber auch auf Langfristigkeit:
Nach gut drei Jahren besuchten die Wissenschaftlerinnen die Familien ein zweites Mal. Die Kinder - inzwischen viereinhalb Jahre alt und um einiges sprachgewandter - wurden erneut innerhalb einer familiären Kommunikationssituation gefilmt.
Auch hier stellten Goldin-Meadow und Co. eine Differenz zwischen den verschiedenen Elternhäusern fest: Die Kinder gut situierter Eltern benutzten durchschnittlich 117 Wörter. Das Vokabular der Kinder aus weniger gut gestellten Familien umfasste nur 93 Wörter. Sollte dieses Ergebnis in weiteren Studien und größeren Untersuchungsgruppen validiert werden, könnte das eine neue Diskussion zu fairen Startbedingungen im Kindesalter entfachen.
Goldin-Meadow beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem positiven Lerneffekt von Gesten im Unterricht. Erst 2007 veröffentlichte sie eine Studie, nach der Schulkinder besser lernen, wenn sie ihre Gestik aktiv einsetzen (und das speziell im Angstfach Mathematik):
Wenn wir Schüler dazu bringen, mehr zu gestikulieren, werden wir sehen, dass sie auch mehr lernen,
postuliert Goldin-Meadow. Der Grund: die sprachbegleitende Bewegung wirkt sich positiv auf das Lernen aus, indem es implizites Wissen weckt. Dieses implizite Wissen wird nun oft auch im Zusammenhang mit Spiegelneuronen genannt. Sie sind die Grundlage für Bewegungsabläufe, die wir von Kindesbeinen an sehen, erlernen und verfeinern. Und damit spiegeln sie eine unbewusste Form des Körperwissens wider.
Doch da ist noch etwas anderes, das die US-amerikanische Studie ganz nebenbei unterstreicht:
In der Entwicklung vom Kleinst- zum Schulkind findet sich ein bedeutender Sprung von der Imitation über die Zeigegeste hin zur symbolischen Geste, die auf etwas anderes Abstraktes verweist. Diesen Dreischritt kann man sich anhand folgender Beispiele visualisieren: Ein Neugeborenes imitiert den geöffneten Mund der Mutter beim Füttern. Einige Monate später zeigt es auf einen außer Reichweite liegenden Keks oder den eigenen Schnuller. Mit wenigen Jahren weiß das Kind, was das Konstrukt “Lüge” bedeutet (und dass es dafür bestraft wird).
Dieser Dreischritt ist auf den ersten Blick nichts besonderes, sondern im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht zu erlernen. Jedoch: er macht den Menschen erst menschlich. Denn ausschließlich der Mensch ist in der Lage, neben der Zeigegeste (deixis ad oculos) eine abstrakte Symbolik zu kreieren, deren sprachliche Zeichen arbiträr, also rein willkürlich gewählt sind. Hierfür hat der Denk- und Sprachpsychologe Karl Bühler einen Ausdruck definiert, der all diese geistigen Konstrukte miteinschließt: deixis am phantasma. Erst indem wir beides parallel nutzen - gezeigte und gedachte Geste -, wecken wir uns ganzes Potenzial.
Tipp:
Nicht nur Kinder zum Gestikulieren anregen.
Mehr zur Studie in Science, Band 323 (Seite 951).
Mehr zur deiktischen Funktion von Gesten in Karl Bühlers “Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache” (1965).

