19. Februar 2009

Wie Gestikulieren die Sprachentwicklung und Schulkompetenz fördert

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Wissenschaft | Keine Kommentare

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Gestikulieren ist nicht jedermanns Sache. Dass sie das aber sein sollte - und zwar so früh wie möglich - zeigt eine neue Studie. Darin belegen die US-Wissenschaftlerinnen Susan Goldin-Meadow und Meredith Rowe, wie eng Sprache und Gestik miteinander verwoben sind. Und dass Kinder stetig dazu ermuntert werden sollten zu winken, zu zeigen und ihre Sprache mit Bewegung zu illustrieren.

Das Forschungsdesign brillierte durch ein zweistufiges Verfahren, in dem von Beginn an Mut zur Diversität lag:

Mit Videokameras ausgestattet besuchte das Forscherteam 50 Familien, in denen ein 14 Monate altes Kind lebte. Dabei wählten Goldin-Meadow und Rowe ihre Forschungsfamilien bewusst aus: Sie sollten aus den unterschiedlichsten sozioökonomischen Verhältnissen stammen.

In jeder Familie wurden 90 Minuten der Eltern-Kind-Kommunikation auf Film gebannt. Die Auswertung des Bewegtbildmaterials offenbart einen deutlichen Zusammenhang: Je höher die Schulbildung und je größer das finanzielle Vermögen der Eltern, desto mehr Begriffe verknüpften die Kinder mit bestimmten Gesten. Während der Nachwuchs wohlhabender Familien ganze 24 Gesten mit unterschiedlicher Bedeutung differenzieren konnte, waren es in ärmeren Familien lediglich 13 Gesten.

Beim Forschungsdesign setzten die Forscherinnen im zweiten Schritt aber auch auf Langfristigkeit:
Nach gut drei Jahren besuchten die Wissenschaftlerinnen die Familien ein zweites Mal. Die Kinder - inzwischen viereinhalb Jahre alt und um einiges sprachgewandter - wurden erneut innerhalb einer familiären Kommunikationssituation gefilmt.

Auch hier stellten Goldin-Meadow und Co. eine Differenz zwischen den verschiedenen Elternhäusern fest: Die Kinder gut situierter Eltern benutzten durchschnittlich 117 Wörter. Das Vokabular der Kinder aus weniger gut gestellten Familien umfasste nur 93 Wörter. Sollte dieses Ergebnis in weiteren Studien und größeren Untersuchungsgruppen validiert werden, könnte das eine neue Diskussion zu fairen Startbedingungen im Kindesalter entfachen.

Goldin-Meadow beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem positiven Lerneffekt von Gesten im Unterricht. Erst 2007 veröffentlichte sie eine Studie, nach der Schulkinder besser lernen, wenn sie ihre Gestik aktiv einsetzen (und das speziell im Angstfach Mathematik):

Wenn wir Schüler dazu bringen, mehr zu gestikulieren, werden wir sehen, dass sie auch mehr lernen,

postuliert Goldin-Meadow. Der Grund: die sprachbegleitende Bewegung wirkt sich positiv auf das Lernen aus, indem es implizites Wissen weckt. Dieses implizite Wissen wird nun oft auch im Zusammenhang mit Spiegelneuronen genannt. Sie sind die Grundlage für Bewegungsabläufe, die wir von Kindesbeinen an sehen, erlernen und verfeinern. Und damit spiegeln sie eine unbewusste Form des Körperwissens wider.

Doch da ist noch etwas anderes, das die US-amerikanische Studie ganz nebenbei unterstreicht:
In der Entwicklung vom Kleinst- zum Schulkind findet sich ein bedeutender Sprung von der Imitation über die Zeigegeste hin zur symbolischen Geste, die auf etwas anderes Abstraktes verweist. Diesen Dreischritt kann man sich anhand folgender Beispiele visualisieren: Ein Neugeborenes imitiert den geöffneten Mund der Mutter beim Füttern. Einige Monate später zeigt es auf einen außer Reichweite liegenden Keks oder den eigenen Schnuller. Mit wenigen Jahren weiß das Kind, was das Konstrukt “Lüge” bedeutet (und dass es dafür bestraft wird).

Dieser Dreischritt ist auf den ersten Blick nichts besonderes, sondern im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht zu erlernen. Jedoch: er macht den Menschen erst menschlich. Denn ausschließlich der Mensch ist in der Lage, neben der Zeigegeste (deixis ad oculos) eine abstrakte Symbolik zu kreieren, deren sprachliche Zeichen arbiträr, also rein willkürlich gewählt sind. Hierfür hat der Denk- und Sprachpsychologe Karl Bühler einen Ausdruck definiert, der all diese geistigen Konstrukte miteinschließt: deixis am phantasma. Erst indem wir beides parallel nutzen - gezeigte und gedachte Geste -, wecken wir uns ganzes Potenzial.

Tipp:
Nicht nur Kinder zum Gestikulieren anregen.
Mehr zur Studie in Science, Band 323 (Seite 951).
Mehr zur deiktischen Funktion von Gesten in Karl Bühlers “Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache” (1965).

11. Februar 2009

Wikipedia-Welt und Informationsflut - Lernen von Savants

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Gehirn und Geist | 1 Kommentar

Das Schlagwort “crossmediale Kommunikation” hat Einzug gehalten in Redaktionsflure, PR-Agenturen und Kommunikationsstabsstellen. Dort wird es gerne nonchalant und inflationär verwendet - immer mit dem Ziel, verschiedene Contentkanäle miteinander zu verknüpfen.

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Crosscerebrale Kommunikation hingegen findet nicht auf YouTube, via Newsletter oder Webcasts statt, sondern im Gehirn besonderer Menschen. Daniel Tammet ist einer dieser Menschen: Der 30-jährige Brite ist ein Inselbegabter, auch Savant genannt. Mit idiosynkratischen Eigenschaften und speziellen Fähigkeiten ausgestattet, sehen und empfinden sie die Welt ganz anders. Einige Savants verfügen über ein brilliantes fotografisches Gedächtnis, andere lernen eine neue Sprache in nur einer Woche; und oft staunt das Umfeld über ihr phänomenales Zahlengedächtnis und ihr mathematisches Geschick.

Zum ersten Mal schildert mit Daniel Tammet ein Savant, welche Gefahren er im Internet sieht und welche Nachteile eine Wikipedia-Welt mit sich bringen kann (FAZ.NET vom 04.02.2009):

[Das Internet] hat das Potential, unseres Denkens sehr zu schaden. Viele Menschen haben vergessen, dass die Information nicht so wichtig ist wie die Idee dahinter. Informationen sind eine Ansammlung von Daten, jede Information für sich ist nutzlos, wenn wir sie nicht in einen Zusammenhang setzen und interpretieren können.

Nicht umsonst ruft die Netzwelt verstärkt nach semantischen Lösungen. Diese Tools sollen die Ideen hinter der schieren Informationsmasse transparent werden lassen. Denn ein Zusammenhang zwischen Informationen ist nicht durch eine reine Verlinkung hergestellt. Stattdessen müssen Muster, sinnstrukturierte Patterns den Content sinnhaft verbinden und auf einer qualitativen Ebene zusammenführen. Ein durchaus ambitioniertes Vorhaben, das beispielsweise vom World Wide Web Consortium (W3C) und dem Forschungsprogramm THESEUS des BMWi verfolgt wird.

Zurück zum Interview, das an einer Stelle besonders interessant wird: Tammet schwört vom reinen Faktenwissen ab. Auf die Frage, wie wir unser Gedächtnis trainieren können, antwortet er schlicht:

Egal, was Sie lernen, es geht darum, ein tieferes Verständnis zu entwickeln und sich nicht nur auf die Fakten zu konzentrieren.

Und dass Lernen mit Körpereinsatz erfolgsversprechender ist, als sich Wissen ohne Kontext, Sinn und Verstanz einzubimsen, nimmt Tammet gleichfalls im Interview auf - in Form einer kleinen Kritik der Lerndidaktik:

Lernen hat nicht nur was mit unseren Köpfen zu tun, es bezieht auch unseren Körper mit ein. Es hängt davon ab, wo wir sind, wie wir uns bewegen. Denken Sie an Schauspieler, die sich große Textmengen merken können, weil sie sich mit ihrem Körper behelfen.

Das Lernen mit Körpereinsatz beruht dabei auch auf ganz basaler Ebene. Spiegelneurone ermöglichen es uns, komplexe zielgerichtete Bewegungsabläufe innerlich nachzuvollziehen - und dass ohne unser aktives Bewusstsein und Wissen. Damit verfügen wir über eine körperbasierte Methode, mit der wir die Aktionen des Gegenübers instantan deuten lernen, sie einschätzen und in einem weiteren Schritt entsprechend reagieren können. Auch wenn unsere Gehirne nicht dermaßen speziell crosscerebral vernetzt sind wie die einiger Savants, verfügen wir doch über Mirror Neuron Circuits, die eigene Bewegungen und Imitationslernen miteinander verknüpfen (vgl. Neuron 2004).

Wer Savants nicht in aber vor den Kopf schauen möchte, erhält mehr Einblicke in einer fünfteiligen Reihe auf YouTube. Hier die erste Folge:

6. Februar 2009

Die Deutsche Bahn 2.0 - Zum Scheitern verurteilte Krisenkommunikation

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Business, Politik | 2 Kommentare

Politik und Feingespür haben seit einigen Jahren ihren gemeinsamen Weg verlassen. Das Gleiche gilt für unternehmenspolitische Entscheidungen. Dass Hartmut Mehdorn die groß angelegte, über neun Jahre verlaufende Bespitzelungsaffäre der Deutschen Bahn an 173.000 Mitarbeitern bagatellisiert, zeugt nicht von feinem Stil.

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Dass der Vorstandschef sich dann aber gegebenüber dem Aufsichtrat wundert, dass es der Deutschen Bahn bisher nicht gelungen sei, “in der Öffentlichkeit und den Medien Vertrauen und Verständnis für unsere Position zu finden”, lässt an seinem Einfühlungsvermögen und einer situativen Anpassung an soziale Konventionen zweifeln.

Lange ließ Mehdorn mit einer angemessenen Reaktion auf sich warten. Die Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL forderten ihn “mehrfach eindringlich auf [...], sich für den umstrittenen Massenabgleich von Mitarbeiterdaten zu entschuldigen” (ZEIT online vom heutigen Tag). Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee kritisierte den Bahnchef mit den Worten: “Es dauert zu lange, und es kommt nicht konsequent und im Ganzen ans Tageslicht.” Eine schriftliche Entschuldigung Mehdorns wurde nicht nur als ungenügend bezeichnet, sondern durch folgende Aussage Mehdorns konterkariert:

“Wir werden das wieder machen, wenn´s drauf ankommt.” (ZEIT online, 03. Januar 2009)

Soziale Kompetenz als Mittel des Krisenmanagements sieht anders aus. Viel an Mehdorns aktuellem Verhalten zeugt von einem großen Maß an fehlendem Taktgefühl und mangelnder Empathie. Denn ein Verständnis für die eigene Position einzufordern, sich offensichtlich jedoch nicht in die Bespitzelten hineinzuversetzen - ihre Enttäuschung wahrzunehmen, aufzunehmen und ernstzunehmen -, ist genau eine Dimension zu kurz gedacht. Dieses emotionsferne Verhalten verspielt das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden in die Marke DB.

Auch ein weiterer Eklat der letzten Tage basiert auf der deutlich hierarchischen Unternehmensstruktur und der veralteten Kommunikationskultur der Deutschen Bahn. Ursache des Eklats war die Veröffentlichung eines internen Prüfberichts des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten zur Bespitzelungs-Affäre auf dem Blog netzpolitik.org. Dem Betreiber Markus Beckedahl ließ die Deutsche Bahn darauf hin eine Unterlassungsklage zukommen.

Dank digitaler Kommunikation verbreitete sich diese DB-Drohgebärde innerhalb kürzester Zeit im Netz und besorgte Beckedahl nicht nur einen großen Zuspruch, sondern auch eine breite journalistische Berichterstattung. Heute machte die Bahn auch in dieser Angelegenheit einen Rückzieher und verkündete, keine weiteren juristischen Schritte gegen Beckedahl zu verfolgen.

Dass die Deutsche Bahn auch hier kommunikativ nicht dazugelernt hat, wird deutlich, wenn man sich folgende Aussage der Pressestelle des Unternehmens zu Gemüte führt:

“Es wird keine gesonderte Mitteilung an die Presse zu diesem Thema geben, auch Markus Beckedahl wird nicht direkt darüber informiert werden, dass die Bahn ihn in dieser Sache nicht mehr behelligen wird.” (Blogpost vom heutigen Tag auf netzpolitik.org)

Fazit:
Eine offene, authentische Entschuldigung bei den Betroffenen und der Öffentlichkeit hätte in beiden Krisenfällen ein schnelleres und nachhaltiges Verständnis bei der Gesellschaft ausgelöst als der zwanghafte Versuch, Kontrolle beizubehalten und auszuüben. Unternehmen und Politik sollten sich schnellstens und eingehend mit digitalen Kommunikationsstrategien, dem Phänomen Social Media und der Möglichkeit des direkten Dialogs auseinandersetzen - vielleicht reicht hierzu schon das Gegenübersitzen und Zuhören auf bunt gefärbten Bahnsitzen.