31. Januar 2009

Empathie = die neue politische Strategie

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Politik | 2 Kommentare

Politik hat präzise zu sein, präzise und neutral. Politiker müssen mit kühlem Kopf entscheiden - speziell in Krisen- und Kriegszeiten. Das Ergebnis dieser Entscheidungen hat dann oft erschreckend wenig mit sozialer Wärme und Empathie zu tun. Stattdessen beschränkte sich die deutsche Politik in den letzten Jahren allzuoft darauf, unseren (ungleich verteilten) Wohlstand, festgefahrene Entscheidungsstrukturen und starre Hierarchien zu betonieren.

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Der große Ethnologe Claude Lévi-Strauss prägte eine treffende Bezeichnung für eine Kultur wie die unsere. Eine, die ihre eigene Geschichte konserviert: die kalte Gesellschaft - frei nach dem Motto “Willkommen Stillstand, weiche Veränderung!”

Doch seit einigen Monaten lässt sich im internationalen Staatswesen ein schleichender Umschwung beobachten. Erst gestern kam es auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer ungewohnt erhitzten, da emotionalen Situation: Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan verließ die Bühne. Ihm wurde eine ausreichende Redezeit verwehrt, um auf die vorhergehende Rede zum Gaza-Krieg von Israels Präsident Simon Peres einzugehen. Nicht nur der Abgang Erdogans sorgte für erstaunte Gesichter. Er hinterließ einen sichtlich nachdenklichen Peres, der sich anschließend telefonisch bei Erdogan für “die Art und Weise, in der er gesprochen habe” entschuldigte, so die Tagesschau.

In den letzten Jahren kam es selten zu solchen Reaktionen, kaum ein Politiker musste sich vorwerfen lassen: “You lost your cool.” Doch die Kühle bricht auf. Einen gewichtigen Anteil daran trägt Barack Obama. Seine Reden sind gespickt mit Metaphern der Aufmerksamkeit, Fairness und des gegenseitigen Respekts. Seine Interviews vermitteln Verständnis für die Situation anderer Kulturen, er offenbart Empathie, fast Wärme. Beispielsweise im ersten Interview nach seinem Amtsantritt mit dem arabischen Fernsehsender Al-Arabiya (am 26. Januar):

“[W]hat you’ll see is somebody who is listening, who is respectful, and who is trying to promote the interests not just of the United States, but also ordinary people who right now are suffering from poverty and a lack of opportunity. I want to make sure that I’m speaking to them, as well.” (Transkript msnbc.com / White House)

Auch ein deutscher Politiker setzte jüngst ein Zeichen digitaler Empathie. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, unterzeichnete online eine Erklärung der Initiative özür diliyorum - und entschuldigt sich damit für den Massenmord an Armeniern im ersten Weltkrieg.

„Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, der die osmanischen Armenier 1915 ausgesetzt waren, ohne Sensibilität behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück, ich persönlich teile die Gefühle und den Schmerz meiner armenischen Brüder, und ich entschuldige mich bei ihnen“,

lautet der Text, dem mittlerweile 28.434 Menschen mit ihrer Unterschrift Emphase verliehen haben. Was diese öffentliche Bekenntnis für die Opfer bedeutet und wie viele Menschen sich von dieser Empathiebekundung anstecken und leiten lassen, lässt sich nicht messen. Aber in all ihrer Wirkungskraft erahnen. Dazu mehr im nächsten Blogeintrag.

28. Januar 2009

Gesichter lesen für Fortgeschrittene

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Gehirn und Geist, Wissenschaft | 5 Kommentare

Wem der Name Paul Ekman bekannt vorkommt, der hat ein grundsätzliches Interesse an Emotionsforschung und nonverbaler Kommunikation. Oder er hat den letzten Blogeintrag über das Training interkulturellen Trinkens komplett gelesen. Glückwunsch!

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Süddeutsche online bescherte uns mit genau diesem Paul Ekman ein Interview der Extra-Klasse mit der offensichtlich besten Einstiegfrage, die ich je gelesen habe: “Guten Tag, Herr Professor, wie geht es mir?” Wer keine Angst vor Außenreflexion hat, wünscht sich wahrscheinlich wie ich an die Stelle des Journalisten: Auge in Auge mit Paul Ekman, dem weltbesten Emotionsentschlüsseler.

Nun wird jeder sich behaupten: “Gesichter lesen? Kinderspiel!” Allerdings zeigt sich hier oft erhebliches Verbesserungspotenzial, das strategisch geschult werden kann. Und welches Programm ließe sich hier besser anwenden als eines, dessen „Väter“ diametral entgegengesetzten Kulturkreisen entstammen? Paul Ekman, Vertreter der westlichen Wissenschaften, und der Dalai Lama, Sprachrohr der östlichen Lehre, entwarfen zusammen das Programm “Cultivating Emotional Balance“, quasi die Essenz beider Traditionen und damit best of both worlds:

“Meditation, Mitgefühl und die wissenschaftlichen Methoden meines Instituts.”

Noch interessanter ist folgende Aussage Ekmans: Nicht nur das Beobachten fremder Gesichtsentgleisungen hat Auswirkungen auf die eigene Stimmung und die Rückschlüsse auf das Innenleben des Gegenübers. Auch unsere eigene motorische Aktion lässt unsere Stimmung mit einem Mal ins Positivste schießen oder ins Bodenlose stürzen. Ekman bestätigt:

“Das Überraschendste an unserer Arbeit war die Feststellung, dass manche Gefühle erst entstehen, weil man einen bestimmten Gesichtsausdruck aufsetzt. An Tagen, an denen wir stundenlang wütende oder depressive Ausdrücke übten, mussten wir uns eingestehen, dass es uns miserabel ging”,

und greift zur Erklärung auf das Gehirn zurück:

“Wenn man bestimmte Muskeln im Gesicht aktiviert, ruft man damit die gleichen Veränderungen im Nervensystem hervor wie das entsprechende Gefühl.”

Das ist ein klarer Hinweis auf die komplexen neuronalen Schaltkreise, die sich in unseren Köpfen aufbauen, vernetzen und stetig verändern - und in diesem Fall den motorischen Cortex mit weiteren Regionen des Gehirns verknüpfen (anzunehmenderweise ist die “Gefühlszentrale” Amygdala unter Einbindung der Spiegelneurone beteiligt).

Tipp:
Über Mitgefühl und den circle of compassion spricht Ekman hier (danke arte!):





Wie groß ist Euer circle of compassion?




25. Januar 2009

Die Schulung interkultureller Trink- und Sing-Gelage

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Business | Keine Kommentare

Die asiatische Wirtschaft entwickelt sich zum Monstrum: Sie wächst rapide, überholt die westliche Produktionskraft im Vorbeigehen und stellt nebenbei komplett neue Business-Regeln auf.

Einen erheblichen Vorteil genießen deshalb Firmen, die ihre Mitarbeiter quer durch den Personaleinsatzplan auf den asiatischen Absatzmarkt einschwören. Interkulturelle Trainings sind ein wichtiger Baustein in dieser Schulungsstrategie. Über exakt diese Fortbildungsmethodik berichtete gestern die Süddeutsche online im Artikel „Karaoke im Kollegenkreis


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„Um optimal auf den Auslandseinsatz vorzubereiten, sollte ein interkulturelles Training daher mit einer Sensibilisierung der Mitarbeiter durch Gespräche, Beobachtungsübungen oder Rollenspiele ansetzen.“


Leider verbleiben solche Techniken allzu oft im theoretischen Einstudieren von Nettigkeitsphrasen und bestimmten Bewegungsabläufen. Inzwischen dürfte jeder International Management-Student wissen, dass Visitenkarten im japanischen Erstkontakt zwingend mit beiden Händen zu empfangen sind und dass es abends zum guten Ton gehört, sich in der Karaokebar die eigene Stimme heiser zu brüllen.

Aber gewinnen wir mit diesem Auswendiglernen von Gestiken und symbolischem Verhalten wirklich ein nachhaltiges Verständnis? Entziffern wir tatsächlich die Intentionen und Emotionen des Business-Partners trotz der kulturellen Andersartigkeit? Dagegen sprechen Studien, die sich mit dem Phänomen des cross race effect beschäftigen. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die globale Erscheinung „Die sehen ja alle gleich aus!“

Bevor wir uns also bestimmte Bewegungs- und Verhaltensmaßregelungen auferlegen lassen, sollten wir genauer hinschauen – im wahrsten Sinne des Wortes: Nämlich in das Gesicht des Gegenübers. Emotionserkennung ist die Grundlage für erfolgreiche Verhandlungen und kulturübergreifende globale Kooperationen. Dass es hier größten Nachholbedarf gibt, beweist Wikipedia mit folgenden Zahlen:

„[M]indestens 50% der Verhandlungen zwischen Deutschen und Chinesen scheitern. Selbst eine erfolgreich abgeschlossene Vertragsverhandlung führe zu 60 bis 70% zu suboptimalen Abschlüssen. (…) Auswirkungen des Cross-Race-Effect sind z.B. geringe emotionale Intelligenz, schlechte Kommunikationsfähigkeit, fehlende Empathie und falsche Einschätzungen des Kommunikationspartners des fremden Landes.“

Damit ist jeder zweite Abschluss zwischen deutschen und chinesischen Geschäftspartnern aufgrund mangelnden Einfühlungsvermögens gefährdet. Die Lösung dieses Problems liegt im so genannten kulturellen Emotionslernen, das bereits der bekannteste zeitgenössische Emotionsforscher Paul Ekman beschrieben hat. Durch den regelmäßigen Kontakt mit anderen Kulturen lernt das Gehirn, Mimik, Gestik und Proxemik schneller zu entschlüsseln und damit exakter zu deuten.

Dass Spiegelneurone hier eine tragende Funktion übernehmen, dürfte außer Frage stehen. Schließlich ist das simultane Nachvollziehen der Handlung des Gegenübers neuronal angelegt. Sehr spannende Serious Games in diesem Kontext habe ich beim Münchner Unternehmen Global Emotion entdeckt, das sich auf die Schulung eben jener Gesichtserkennung und dem Training interkultureller Kompetenzen spezialisiert hat. (Wie so etwas ausschaut, ist nur einen Klick zu YouTube entfernt.) Global Emotion ist auf der diesjährigen LearnTec anwesend – wir dürfen gespannt sein, wie gut jeder Einzelne beim Lernsoftware-Selbstversuch abschneidet.

Fazit:
Interkulturelle Kompetenz und kulturübergreifendes Verhandlungsgeschick beginnen im Gesicht – aber bitte mit Gefühl. Und: Nur gut geschulte Mitarbeiter entwickeln ein echtes Verständnis, mit dem sie die asiatische Wirtschaft und ihre Investitionskraft erschließen können.

22. Januar 2009

Digitale Kommunikation - das Ende der Empathie?

Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Gehirn und Geist, Wissenschaft | 8 Kommentare

Die Digitale Evolution erlebt jeder Wissensarbeiter und jeder selbst ernannte Vertreter der Digital Bohème am eigenen Körper: Nach stundenlangem Lesen im Schein des Monitors wissen wir zwar, weshalb Internet-Visionär David Weinberger die Unzitierbarkeit von Barack Obama für dessen größte Stärke hält und dass Sascha Lobo vor exakt zwei Tagen seinen eigenen Blog gelauncht hat.
Genau dieser Zeit berauben wir uns jedoch täglich - und reduzieren so ganz nebenbei die Situationen, in denen wir direkt - ohne digitale Tools und Brücken - mit anderen Menschen in Kontakt treten. (Die Soziologie spricht hier von der Face-to-face-Kommunikation, also der Kommunikationsituation schlechthin.)

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Natürlich bringt der virtuelle Austausch ungesehene Vorteile für den kollektiven Aufbau von Wissen, für Wissensweitergabe- und transformation, für globaler Vernetzung in Echtzeit. Parallel wird jeder aber zwangsläufige Veränderungen im sozialen Umfeld und Kontext erleben. Dass dieser change (da wir gerade schon bei Obama sind) eng mit leibhafter Anwesenheit und neuronalen Strukturen verknüpft ist, mutmaßt auch Vittorio Gallese. Von Haus aus Neurophysiologe besitzt Gallese nicht nur einen klingenden Namen, sondern seit 2007 auch die Auszeichnung für die Entdeckung der Spiegelneurone (gemeinsam mit den ähnlich namensbegnadeten Giacomo Rizzolatti and Leonardo Fogassi).


Sehr konkrete Schlüsse für die Digital Bohème zog Gallese im Interview mit Stefan Klein, das im letzten Jahr im ZEITmagazin leben (Nr. 21/2008) zu lesen war. Kurz umrissen: Je weniger sich Menschen direkt gegenüber stehen, unvermittelt miteinander kommunizieren und sich dabei als bewegende reale Körper wahrnehmen, desto massivere Auswirkungen hat dies auf unser Einfühlungsvermögen.

Der Grund liegt auf der Hand: Empathie entwickelt sich im sozialen Kontext.
Fangen wir ganz vorne an: Spiegelneuronal betrachtet erlernen wir als Neugeborene bereits einfache Bewegungsabläufe, indem wir die Bezugspersonen in ihrer Bewegung beobachten und nachahmen (im Bild sehr schön am Beispiel von Andrew M. Meltzoff zu sehen). Und dabei nach und nach lernen, dass der uns entgegenkommende Löffel mit Brei beladen ist. Im Lauf der Zeit lernen wir durch Imitation, diesen Löffel (mehr oder minder) selbst zu benutzen. Fazit:

“(…) unser gesamtes Denken und Fühlen [beruht] darauf, dass wir die Körper anderer Menschen beobachten, dass wir Dinge anfassen und sie manipulieren.”

Fällt diese gegenseitige Beobachtung und Interaktion über längere Zeit aus, könnten wir Empathie verlernen und vieles, was mit motorischen Grundlagen zu tun hat. “(…) das muss starke Auswirkungen auf unsere sozialen und geistigen Fähigkeiten haben,” konstatiert Gallese. Denn wer seine Spiegelneurone nicht mit sozialen Offline-Situationen pflegt, der lässt seine biologische Grundlage für Einfühlung verkümmern. Und damit ist man dann auch fast schon der Existenz als Geek oder Nerd geweiht.

Fazit:
Hilfe!