Empathie = die neue politische Strategie
Verfasst von Nadia Zaboura | Kategorie: Politik | 2 KommentarePolitik hat präzise zu sein, präzise und neutral. Politiker müssen mit kühlem Kopf entscheiden - speziell in Krisen- und Kriegszeiten. Das Ergebnis dieser Entscheidungen hat dann oft erschreckend wenig mit sozialer Wärme und Empathie zu tun. Stattdessen beschränkte sich die deutsche Politik in den letzten Jahren allzuoft darauf, unseren (ungleich verteilten) Wohlstand, festgefahrene Entscheidungsstrukturen und starre Hierarchien zu betonieren.

Der große Ethnologe Claude Lévi-Strauss prägte eine treffende Bezeichnung für eine Kultur wie die unsere. Eine, die ihre eigene Geschichte konserviert: die kalte Gesellschaft - frei nach dem Motto “Willkommen Stillstand, weiche Veränderung!”
Doch seit einigen Monaten lässt sich im internationalen Staatswesen ein schleichender Umschwung beobachten. Erst gestern kam es auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer ungewohnt erhitzten, da emotionalen Situation: Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan verließ die Bühne. Ihm wurde eine ausreichende Redezeit verwehrt, um auf die vorhergehende Rede zum Gaza-Krieg von Israels Präsident Simon Peres einzugehen. Nicht nur der Abgang Erdogans sorgte für erstaunte Gesichter. Er hinterließ einen sichtlich nachdenklichen Peres, der sich anschließend telefonisch bei Erdogan für “die Art und Weise, in der er gesprochen habe” entschuldigte, so die Tagesschau.
In den letzten Jahren kam es selten zu solchen Reaktionen, kaum ein Politiker musste sich vorwerfen lassen: “You lost your cool.” Doch die Kühle bricht auf. Einen gewichtigen Anteil daran trägt Barack Obama. Seine Reden sind gespickt mit Metaphern der Aufmerksamkeit, Fairness und des gegenseitigen Respekts. Seine Interviews vermitteln Verständnis für die Situation anderer Kulturen, er offenbart Empathie, fast Wärme. Beispielsweise im ersten Interview nach seinem Amtsantritt mit dem arabischen Fernsehsender Al-Arabiya (am 26. Januar):
“[W]hat you’ll see is somebody who is listening, who is respectful, and who is trying to promote the interests not just of the United States, but also ordinary people who right now are suffering from poverty and a lack of opportunity. I want to make sure that I’m speaking to them, as well.” (Transkript msnbc.com / White House)
Auch ein deutscher Politiker setzte jüngst ein Zeichen digitaler Empathie. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, unterzeichnete online eine Erklärung der Initiative özür diliyorum - und entschuldigt sich damit für den Massenmord an Armeniern im ersten Weltkrieg.
„Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, der die osmanischen Armenier 1915 ausgesetzt waren, ohne Sensibilität behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück, ich persönlich teile die Gefühle und den Schmerz meiner armenischen Brüder, und ich entschuldige mich bei ihnen“,
lautet der Text, dem mittlerweile 28.434 Menschen mit ihrer Unterschrift Emphase verliehen haben. Was diese öffentliche Bekenntnis für die Opfer bedeutet und wie viele Menschen sich von dieser Empathiebekundung anstecken und leiten lassen, lässt sich nicht messen. Aber in all ihrer Wirkungskraft erahnen. Dazu mehr im nächsten Blogeintrag.


